Es war still in dieser Nacht in der Kahlenbach-Klinik. Die Patienten waren ruhig, sowohl die beiden Dienst habenden Ärzte als auch die Nachtschwestern hatten kaum etwas zu tun.
Melanie saß am Schreibtisch des Stationsbüros und las in einem medizinischen Fachbuch. Ihre ausgebildete Kollegin, Nachtschwester Beate, machte gerade die vorgeschriebene Runde über die Station, als das Telefon klingelte.
Melanie meldete sich und zuckte leicht zusammen als sie die Stimme am anderen Ende hörte.
„Ich... ich kann nicht schlafen. Und ich wollte deine Stimme hören. Und mich entschuldigen. Ich war ein Ekel. Widerlich einfach. Kannst du... kannst du mir verzeihen?“
„Volker!“ Leichter Jubel schwang in ihrer Stimme mit. Es war wunderbar, dass er sich meldete!
„Sag, kannst du meine Blödheit entschuldigen? Ich weiß selbst nicht genau, was mich da geritten hat. Ich...“ Er brach ab. Erst nach einer Weile fuhr er fort: „Ich vermisse dich, Melanie.“
„Du fehlst mir auch.“
„Wann kannst du kommen?“ Seine Stimme war weich, trieb ihr die Tränen in die Augen.
„Sobald ich frei habe. Gleich nach dem Nachtdienst, wenn du magst.“
„Aber... bist du dann nicht müde?“
„Ach was!“ Sie lachte leise. Nein, sie war nicht müde. Wenn sie bei ihm sein konnte, ging’s ihr endlich wieder gut!
„Du... ich würde dir gern so viel sagen...“
Fest presste sie den Hörer ans Ohr. „Ich... ich hör dir zu.“
„Nicht jetzt. Später vielleicht.“ Nun klang doch wieder etwas von seiner Tristesse durch.
Melanie zwang sich zu einem heiteren Ton. „Was wäre, wenn du alles aufschreibst?“
Ein leises Lachen kam durch den Hörer. „Willst du einen Liebesbrief von mir haben?“
„Würdest du mir einen schreiben?“
„Aber immer!“ Wieder dieses leise, kehlige Lachen, das ihr kleine Schauer über die Haut jagte.
„Dann mach’s doch! Aber nicht mehr in der Nacht. Du solltest schlafen und deine Kräfte sammeln.“
„Ach was. Ich schlafe schon seit Tagen rund um die Uhr. Damit muss Schluss sein. Du – ich warte auf dich!“
„Und ich freu mich auf dich.“
„Ich zähle die Stunden. Nein, die Minuten. Und die Sekunden. Melanie, ich... ich...“
„Ja?“
„Nichts. Wir sehen uns dann.“
Leise Enttäuschung wollte sich in ihr ausbreiten, weil er das, was sie so sehr erhoffte, nicht aussprach. Aber sie ließ sich nichts anmerken. „In Ordnung. Bis gleich dann. Ich... ich muss wieder arbeiten.“
„Ja, aber... denk an mich. Ich freu mich so sehr, dass du mir nicht böse bist.“
„Unsinn. Dazu besteht doch kein Grund!“ Sie wollte noch etwas sagen, doch ein Piepston rief sie zu einem Patienten. „Du, ich muss Schluss machen. Bis später.“
„Ja. Ich... ich liebe dich.“ Es war eigentlich gar nicht schwer, es auszusprechen, stellte Volker fest. Schade nur, dass Melanie es nicht mehr gehört hatte. Er legte sich wieder in die Kissen zurück, schloss die Augen und stellte sich Melanie vor – ihr liebes Lächeln. Ihre schönen hellen Haare, die Augen, die so übermütig strahlen, aber auch so sehnsüchtig dreinsehen konnten. Und dann ihren Mund... Übergangslos schlief er ein. Und zum ersten Mal seit langem schlief er durch, ohne von Übelkeit oder Schmerzen geweckt zu werden.
So eine ruhige Nacht hatte Melanie nicht. Etliche Patienten waren unruhig, es gab einen Kreislaufkollaps, zwei ältere Herren bekamen Herzprobleme. Eine bekannte Patientin, die sich einer kosmetischen Nasenkorrektur in der Privatklinik unterzogen hatte, läutete ab halb fünf alle paar Minuten, weil sie angeblich keine Luft mehr bekam. Sie verlangte den Klinikleiter zu sprechen, doch Schwester Beate, höchst erfahren im Umgang mit Prominenten, wehrte ab. „Kommt nicht in Frage. Der Chef braucht seine Nachtruhe. Wenn es medizinisch indiziert ist, können wir den Dienst habenden Arzt rufen.“
„Ich will aber Professor Kahlenbach sehen!“
„Das können Sie gern – um halb elf morgen bei der Visite.“ Beate blieb unerschütterlich ruhig, und Melanie musste die Pflegerin bewundern. Diese Souveränität wünschte sie sich auch einmal! Beate schien die Gedanken der jungen Studentin zu erraten. „Warte ab, wenn du erst mal zwanzig Jahre Dienst hinter dir hast, gehst du auch alles gelassener an.“
„Hoffentlich schaffe ich die nächsten drei Jahre“, meinte Melanie.
„Warum solltest du nicht? Du studierst fleißig, kannst gut mit den Patienten umgehen – und wenn ich mich nicht irre, bist du jetzt schon ganz gut im diagnostizieren. Oder? Sie legte kurz den Arm um die Jüngere. „Das wird schon. Wenn dich Professor Kahlenbach hier arbeiten lässt, musst du etwas Besonderes sein.“
„Ach was. Ich bin doch nur...“
„Sei mal still. Da kommt ein Notfall.“ Schwester Beate ging ans Fenster und schaute hinaus zur Auffahrt, wo soeben ein Notarztwagen eintraf. Das war nachts in der Kahlenbach-Klinik recht außergewöhnlich, denn eine Notfallambulanz hatten sie hier eigentlich nicht. „Sicher ist hier in der Nähe etwas passiert und es geht um Minuten“, meinte Beate. „Sonst wären sie woanders hingefahren.“ Sie sah Melanie an. „Willst du mal runter gehen? Vielleicht kannst du helfen. Bist schließlich schon eine halbe Ärztin.“
„Ich... ich weiß nicht.“
„Doch, doch, mach mal ruhig. Dr. Schneidersen ist vielleicht dankbar für eine Assistenz.“
Wenig später betrat Melanie die Ambulanz, wo sich schon zwei Pflegerinnen und der Dienst habende Arzt, ein etwas mehr als vierzigjähriger Mann, um eine Patientin bemühten, die noch auf der Rollliege lag.
„Die Atmung setzt immer wieder aus. Wir haben sie schon zweimal reanimiert“, meldete der Notarzt.
„Was hast sie genommen? Weiß man das?“ Dr. Schneidersen sah nur kurz auf.
„Wahrscheinlich davon zu viele.“ Einer der Sanitäter hielt ein Röhrchen mit gelben Pillen hoch. „Designerdroge. Kenne ich von anderen Einsätzen her. Das nehmen die Kids, wenn sie die Nächte durchtanzen wollen. Aber so eine Frau wie die hier...“ Er sah kopfschüttelnd auf die Patientin.
Melanie näherte sich noch ein wenig mehr – und zuckte zusammen. Das war die elegante Frau, die sie in Oliver von Sternburgs Begleitung gesehen hatte. Die Jaguar-Besitzerin! Wie kam eine Frau wie sie dazu, solches Gift zu schlucken?
„Sie sackt uns wieder weg!“ Der Arzt gab ein paar Anweisungen, und als er Melanie sah, bat er sie um Assistenz. „Wir müssen den Kreislauf stabil kriegen. Wenn das nicht gelingt...“ Er zuckte mit den Schultern.
Eine halbe Stunde kämpften sie verbissen um Karina Ambross’ Leben, dann konnte man behaupten, dass die Patientin über den Berg war.
„Wie kommt eine Frau wie sie dazu, solches Zeug zu schlucken?“ Leise sprach Melanie ihre Überlegungen aus.
„Designerdrogen sind in, das wissen Sie doch!“
„Aber... sie scheint wohlhabend zu sein, kennt keine Sorgen...“
„... und ist entweder frustriert oder so übersättigt in ihrem Luxusleben, dass sie zu diesem Zeug greifen musste.“ Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Vielleicht werden wir es noch erfahren. Wollen Sie sie auf Intensiv bringen und eine Weile dort bleiben? Ich denke, es wäre ganz gut, wenn sie eine Sitzwache am Bett hat.“
„Wenn Schwester Beate mich noch entbehren kann, gern.“
Dies war rasch abgeklärt, und wenig später saß Melanie neben Karina und überwachte ihre Körperfunktionen. Der Morgen dämmerte schon, als die Kranke unruhig wurde.
„Oliver... ich hasse... nie wieder...“ Die Worte kamen kaum verständlich über ihre Lippen, doch Melanie konnte sich zusammenreimen, was Karina meinte. Beruhigend legte sie ihr die Hand auf den Arm.
„Ganz still bleiben“, sagte sie leise. „Alles kommt wieder in Ordnung.“
„Oliver... Schloss... nie mehr...“ Karinas Kopf sank zur Seite. Sie war wieder tief eingeschlafen.
Melanie blieb bei ihr sitzen, bis die Tagschicht eintraf. Endlich, später als geplant, verließ die junge Studentin das Gebäude der Privatklinik. Nur kurz ging sie heim, um sich ein bisschen frisch zu machen. Für die Fahrt zur Uniklinik leistete sie sich ausnahmsweise ein Taxi. Jetzt waren all ihre Gedanken nur noch auf Volker konzentriert.
Sein Gesicht leuchtete auf, als sie eintrat. „Endlich!“
„Hallo, guten Morgen. Gut siehst du aus.“
„Du Schwindlerin! Das sollte ich zu dir sagen.“ Er zog sie an der Hand zu sich, bis ihre Gesichter ganz dicht voreinander waren. „Schön, dass du da bist. Ich hab dich so vermisst.“
„Ich dich auch. Du... mach das nie wieder mit mir.“
„Was?“
„Dass du mich wegschickst. Es hat weh getan.“
„Ich weiß. Mir auch. Aber ich dachte doch...“
Sie lachte leise. „Hör endlich auf zu denken, Volker von Sternburg.“
„Auch nicht an die Zukunft? Mit dir?“
„Ja aber...“ Kurz zuckte sie zurück.
„Jetzt darfst du nicht kneifen. Ach Melanie, ich brauch dich so sehr. Zum Leben. Zum Glücklichsein. Für meine ganze Zukunft.“
Jedes Wort war wie ein Streicheln auf der Haut. Alles Bedrückende fiel für eine Weile von ihr ab. Sie schmiegte den Kopf an seine Wange, spürte seinen Mund an der Schläfe, drehte leicht den Kopf, bis sich ihre Lippen berührten.
Himmel, kann der Kerl küssen, ging es Melanie noch durch den Kopf – dann war für eine Weile alles Denken ausgeschaltet.
„Weißt du eigentlich schon, dass ich bald entlassen werde?“ Volker fragte es, ohne sie aus den Armen zu lassen.
„Was? Und das sagst du jetzt erst?“ Sie lehnte sich so weit wie möglich zurück und sah ihn an. „Das ist ja herrlich!“
„Na ja, einige Einschränkungen gibt es schon noch. Ich soll mich alle drei Tagen hier in der Klinik melden. Muss mich noch sehr schonen, darf keine Infektion riskieren.“ Er grinste. „Es ist also noch nichts mit einer romantischen Mondscheinpartie auf dem See oder einem flotten Ausritt.“
„Ich kann sowieso nicht reiten“, warf sie ein.
„Das zeig ich dir. Später.“ Wieder ein langer, inniger Kuss. „Ich hoffe doch, dass du mich oft besuchen kommst.“
Melanie wurde ernst. Sie auf dem Schlossgut... das war eine Vorstellung, die mit Zweifeln behaftet war. Wie würde sich Volkers Familie dazu stellen? Außerdem hatte sie selbst gar nicht viel Zeit für private Dinge. Schließlich musste sie Studium und Job weiterhin unter einen Hut bringen.
Um von dem Thema abzulenken, meinte sie: „Wo du von Familie sprichst... weißt du, was dein Onkel gerade macht?“
Volker schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Er war mal kurz zu Besuch, hat dann aber was von einem geschäftlichen Termin gesagt, der ziemlich kurzfristig anberaumt wurde. Seither – still ruht der See. – Warum fragst du?“
Melanie zögerte. Sollte sie ihm von Karina Ambross erzählen? Und davon, dass sie selbst mit Oliver ausgegangen war? In der Erinnerung an das, was in der Wohnung des Mannes beinahe geschehen wäre, schoss ihr Schamröte ins Gesicht und sie bereute schon, überhaupt von ihm gesprochen zu haben. Andererseits war es schon wichtig zu wissen, ob er irgendetwas mit dem Zustand der Patientin, die jetzt in der Kahlenbach-Klinik lag, zu tun hatte.
„Nun sag schon. Ganz ohne Grund fragst du doch nicht.“ Volker sah sie forschend an. „Woher kennst du Oliver überhaupt?“
„Na, von der Gartenparty her. Und dann...“ Sie zögerte. „Ach, weißt du, wir sind uns mal zufällig in der Stadt begegnet und er hat mich zu einem Drink eingeladen.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Ich war damals gerade so deprimiert, weil es dir schlecht ging...“
Volker lächelte. „Dann war Oliver der Richtige, um dich aufzuheitern. Er ist fast immer gut drauf. Faszinierend, wie er das macht.“
„Normal ist das nicht“, warf Melanie leise ein.
Doch Volker hatte es genau gehört. „Wie meinst du das?“
„Ich... ich denke, dass er irgendwas nimmt“, erwiderte sie vorsichtig.
„Ach was, Oliver doch nicht. Der ist viel zu clever, um sich mit irgendwelchen Drogen voll zu pumpen. Außerdem hat er das gar nicht nötig. Dieser Sonnyboy...“ Er grinste. „Als ich Vierzehn war, wollte ich genauso werden wie er. Meine Mutter fand das allerdings nicht so prickelnd, sie hat wohl miterlebt, das Oliver immer wieder irgendwelche Freundinnen mit nach Sternburg brachte. Und das missfiel natürlich.“
„Das hat dir aber gefallen, oder?“ Lächelnd sah Melanie ihm in die Augen.
„Klar doch. Oliver hatte immer einen exzellenten Geschmack. Zumindest in dem Punkt bin ich ihm ähnlich.“ Er küsste Melanie wieder, und für einen Moment hatte nichts anderes Bedeutung. „Vielleicht küsse ich auch so gut wie Oliver, was meinst du?“
Er hatte es ganz ohne Hintergedanken gefragt, doch Melanie schoss heiße Glut ins Gesicht. „Das... das ist doch irrelevant.“
Volker lachte. „Welch großes Wort! Aber du hast Recht, wir sollten gar nicht so viel von Oliver reden, nachher findest du ihn noch interessanter als mich Kranken.“
„Jetzt hör aber sofort auf!“
„Ja, ja, schon gut.“
Melanie richtete sich auf und strich sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. „Wann wirst du denn genau entlassen?“, fragte sie.
„Das kommt auf die nächsten beiden Untersuchungen an. Wenn alles glatt geht, Ende der Woche schon.“ Er griff nach ihrer Hand. „Dann kannst du gleich mit aufs Gut kommen.“
„Aber...“
„Dieses ewige Aber! Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass ich das nicht hören will.“ Zärtlich strich er mit der Hand über ihren Arm. „Wir hatten bisher so wenig Zeit für uns... das muss sich ändern.“
Melanie senkte den Kopf. Sie dachte wieder an Graf Oliver – und die Angst, dass sie ihm begegnen könnte, ließ sie sagen: „Was ich eben erzählen wollte... letzte Nacht wurde eine Bekannte deines Onkels in die Kahlenbach-Klinik eingeliefert. Die Frau war vollgepumpt mit Drogen.“
„Und jetzt denkst du wirklich, damit hätte Oliver zu tun?“
„Ich... ich...“ Melanie biss sich auf die Lippen. Dann nickte sie. „Ich glaube schon.“
„Doch du hast keine Beweise.“ Volker fühlte sich bemüßigt, den Onkel in Schutz zu nehmen. Melanie kannte Oliver doch gar nicht richtig, sie hatte kein Recht, ihn in irgendeiner Form zu verdächtigen.
Melanie schien seine Gedanken erahnt zu haben. „Ich weiß, es ist nicht schön, was ich dir jetzt sage, aber... wir sollten keine Geheimnisse voreinander haben.“
Das liebevolle Lächeln schwand schlagartig von Volkers Gesicht. „Was ist?“
„Oliver... ich kenne ihn doch ein bisschen besser“, presste Melanie hervor und vermied es, Volker in die Augen zu sehen. „Weißt du noch, als du so schlecht drauf warst und mich weggeschickt hast? Ich war so traurig, so verzweifelt...“ Hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Da hab ich Oliver getroffen. Erhat mit mir geredet, mich getröstet... und mich eingeladen.“
„Das sagtest du schon.“
„Ja, aber nicht nur auf einen Drink. Wir waren zusammen essen. Und dann noch mal aus.“ Sie biss sich auf die Lippen, wartete gespannt auf Volkers Reaktion.
Eine Weile blieb es still. „Du warst mit Oliver aus...“
„Du wolltest mich ja nicht sehen.“ Das klang ein wenig trotzig.
„Dennoch musstest du dich nicht gleich mit dem nächsten Sternburg trösten. Oder ist es das, was du willst... einen Schlossbesitzer?“
Abrupt stand Melanie auf. „Du vergisst dich!“
„Ach ja? Wirklich? Ist das nicht dein Part?“ Eifersucht ließ Volker ungerecht werden. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es war mit Oliver. Hat er dich gut unterhalten? Wie habt ihr’s getrieben?“
„Volker!“
„Schon gut. Vergiss es!“ Er drehte den Kopf zur Seite.
„Oh nein, das vergesse ich jetzt nicht. Zumal ich mir gar nichts vorzuwerfen habe. Aber dein feiner Onkel, den du so bewunderst und nachahmen willst... der sollte sich wirklich schämen. Ich bin sicher, dass er mir was in den Drink getan hat. Irgendwas, um mich willenlos zu machen.“
„Jetzt geht aber die Fantasie mit dir durch“, spottete Volker. Er lag immer noch mit abgewandtem Gesicht im Bett. Wie sehr er litt, war ihm anzusehen. Aber auch Melanie war verletzt, und sie sah nicht ein, warum sie noch mehr Rücksicht auf Volker nehmen sollte. Wer gesund genug war, sie mit ungerechten Vorwürfen zu überfallen, konnte auch einen Streit aushalten.
„Nein, das ist leider eine traurige Tatsache. Und nur dem Umstand, dass er selbst dieses Zeug auch nicht vertragen hat, hab ich es wohl zu verdanken, dass ich heil sein Appartement verlassen konnte. Dieser Karina Ambross, seiner Freundin, ging es wohl nicht so gut.“
„Wer ist das?“
„Die Frau, von der ich dir eben erzählt hab. Sie liegt sicher immer noch auf der Intensivstation der Kahlenbach-Klinik. Drogenmissbrauch – die Diagnose war eindeutig.“
„Und Oliver hat ihr das Zeug gegeben?“ Jetzt drehte er doch langsam wieder den Kopf um.
„Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass die beiden sich kennen. Gut kennen. Ich hab sie in München gesehen.“ Sanft griff sie nach Volkers Hand. „Glaub mir, ich hab mich nur von Oliver einladen lassen, weil ich so enttäuscht und traurig war. Aber da war dann endlich jemand, der mich tröstete, der mir ein bisschen Wärme und Nähe schenkte... und das hab ich gebraucht.“
Minutenlang blieb es still. Melanies Hand lag auf der Bettdecke, und endlich, endlich nahm Volker sie wieder in seine Hand, hielt sie fest und drückte sie zärtlich.
„Oliver ist schon ein Sonnyboy“, meinte er. „Ein totaler Frauentyp. Klar, dass du gern mit ihm zusammen warst.“
„Aber nicht so, wie du jetzt denkst.“
„Schon gut. Sag mir lieber, was du über diese Frau weißt.“
„Gar nichts. Nur, dass sie einen tollen Jaguar fährt – beziehungsweise Oliver ihn hat fahren lassen.“ Sie zögerte, dann fügte sie nachdenklich hinzu: „Sie muss ein bisschen älter sein als er. Aber klasse aussehend. Und sichtlich reich.“
„Oliver und eine ältere Frau?“ Volker schüttelte den Kopf. „Das glaub ich nicht. Vielleicht eine Geschäftsbeziehung.“
„Die sieht anders aus – jedenfalls in meinen Augen.“ Melanie beugte sich über ihn. „Lass uns Oliver und diese Frau einfach vergessen. Das ist gar nicht wirklich wichtig.“
„Stimmt. Es gibt Interessanteres.“ Volker lachte leise, und dann zog er sie übermütig aufs Bett – und wirklich wurde für eine Weile alles andere ausgelöscht. Nur noch sie beide, die Nähe, die sie verband, war wichtig.
+ + +
„Stimmt das, was man sagt – heute will Gloria Ravenstein am Set vorbeikommen?“ Fragend sah Moni Neuhaus, die Maskenbildnerin, in die Runde. Die ersten beiden Einstellungen für diesen Tag waren im Kasten, der Regisseur hatte eine kleine Pause genehmigt.
„Gloria Ravenstein bei uns – das glaubst du ja wohl selbst nicht“, winkte einer der älteren Schauspieler ab. Benjamin Kastner war vor Jahren ein bekannter Mann gewesen, doch der Alkohol und Frauengeschichten hatten ihn ruiniert. Jetzt war er froh, eine kleine Rolle in einer Fernsehproduktion ergattert zu haben.
„Doch, ich weiß es genau. Tim, weißt du nichts Näheres?“ Moni sah den blonden Regieassistenten an. Doch bevor Tim etwas antworten konnte, entstand am Eingang Unruhe, und im nächsten Moment war sie da: Gloria Ravenstein. Perfekt zurechtgemacht, in einem Chanel-Kostüm und mit breitkrempigem Hut auf dem Kopf. Neben ihr ging rechts der Regisseur, zu ihrer Linken ein junger, gut aussehender Schauspieler, den man aus vielen Filmen kannte. Jugendlicher Liebhaber, Draufgänger und Charmeur – das war Thorsten Sattlers Markenzeichen. Und diese Rolle schien er auch im Privatleben perfekt zu beherrschen, denn er bezauberte in wenigen Minuten alle anwesenden Frauen.
Gloria Ravenstein sah amüsiert zu, sie selbst konzentrierte sich jedoch auf die Unterhaltung mit dem Regisseur und einem älteren Herrn, der nun auch auftauchte – der Produzent des Films.
„Herbert! Nett, dass du es einrichten konntest.“ Sie reichte ihm die Hand, die er galant an die Lippen zog. „Darf ich dir Tim Ahrens vorstellen – er ist ein guter Bekannter.“ Zur Überraschung des Regisseurs wandte sich die Aufmerksamkeit der Besucher jetzt seinem Assistenten zu. „Tim hat mir was zu lesen gegeben, das mich fasziniert hat. Du weißt ja, mein Riecher für neue Talente ist groß.“
„Nur deshalb bin ich gekommen“, versicherte Herbert Brettner. Immer wieder sah er verstohlen zu Glorias gut aussehendem Begleiter hin. Gloria Ravenstein registrierte es sehr zufrieden. Ihr Rechnung ging ganz offensichtlich mal wieder auf!
„Tim, da wir uns zufällig hier sehen – haben Sie Zeit und Lust, mit Ihrer Freundin am Freitag zum Abendessen zu mir zu kommen? Herbert, du bist auch herzlich eingeladen. Thorsten wohnt zurzeit bei mir, er ist selbstverständlich da.“ Diese Bemerkung machte sie nicht von ungefähr. Sie hatte kalkuliert, dass Herbert Brettner von Thorsten fasziniert sein würde. Und der junge Schauspieler, der homosexuell war und ihr noch einen Gefallen schuldete, würde sich bestimmt gern um den gepflegten, einflussreichen Herbert kümmern. Wenn dann alle bester Laune waren, würde sie den Produzenten schon dazu bringen, sich mit ihrer Filmidee, die auf Tim Ahrens’ Drehbuch basierte, zu beschäftigen...
Tim sah fasziniert zu, wie geschickt Gloria die Fäden zog. Eine geniale Schauspielerin! Tat so, als seien die Begegnungen hier auf dem Filmgelände ganz zufällig! Er konnte es kaum erwarten, Kerstin am Abend davon zu erzählen. Mit glänzenden Augen hörte sie zu.
„Wir sind wirklich bei der Ravenstein eingeladen? Ich bin hin und weg“, meinte sie. Um dann gleich hinzuzufügen: „Ich brauch was anzuziehen. Mit meinen Klamotten kann ich da unmöglich auftauchen.“
„Himmel, du erfüllst inzwischen ja jedes Klischee“, spottete Tim. „Natürlich hast du was anzuziehen! Dieses meergrüne Samtkleid... zum Verlieben siehst du darin aus.“
Kerstin lachte. „Das ist zwei Jahre alt!“
„Na und? Steht das dran?“
„So was kann auch nur ein Mann fragen. Die Stilrichtung ist doch out.“
„Ach was, vergiss doch diesen Unsinn. Auf dich kommt’s an. Darauf, wie du dich gibst, was du sagst … nicht auf die Klamotten.“ Er zog sie an sich. „Außerdem liebe ich dich auch dann, wenn du dein graues Kreativ-T-Shirt trägst.“
Kerstin lachte. Dieses alte Schlabberding trug sie wirklich seit Jahren – und am liebsten dann, wenn sie über einer kniffligen grafischen Aufgabe brütete. Fest schlang sie die Arme um Tims Nacken. „Du bist wirklich der Beste“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“
„Heute? Du hast es mir seit Tagen nicht mehr gesagt“, tat er empört.
„Unsinn. Vor einigen Stunden noch.“
„Das muss ich vergessen haben.“ Er grinste, denn die Stunden, auf die er anspielte, waren angefüllt gewesen mit Liebe und Leidenschaft.
„Schuft. Ich hasse dich.“ Vergnügt knabberte sie an seinem Ohrläppchen, biss dann kurz hinein.
„Au! Das tut weh!“
„Sollte es auch. Damit du nicht so schnell vergisst, wer ich bin.“
„Die Frau, die mich verletzt.“
„Die Frau, die dich liebt. Sehr, sehr, sehr liebt.“ Noch einmal schmiegte sie sich an ihn, für einen kurzen Moment glitt ihre Hand tief … um sie gleich wieder zurückzuziehen. „Keine Zeit für Dummheiten“, meinte sie und sprang auf.
„Dummheiten! Das nennst du Dummheiten? Na warte, ich zeig dir gleich, was das ist!“
In der nächsten Sekunde war eine verliebte Balgerei im Gang, die damit endete, dass sie aufs Bett sanken. Und dann war erst mal gar nichts wichtig außer ihrer Liebe.
„Und jetzt hab ich Hunger!“ Kerstin stand auf und sah auf Tim hinunter, der in den nachtblauen Laken lag und sie zärtlich ansah. „Aufstehen, Faultier, ich kann nicht alles allein machen.“
„Du kannst schon. Du willst nur nicht, gib’s zu.“ Langsam erhob er sich, doch noch waren sie nicht in der Küche. Erst einmal zog er Kerstin wieder an sich. „Du riechst gut. Und du bist da verführerischste Wesen, das es auf der ganzen Welt gibt.“
„Vergiss das nur nicht, wenn du mit irgendwelchen Schauspielerinnen zusammen bist.“
„Wie könnte ich! Du lässt mich ja nie aus den Klauen.“
„Was sagst du da?“ Lachend schlug sie auf ihn ein. „Zur Strafe holst du eine Pizza aus der Kühltruhe – ich kümmere mich um den Salat.“
„Du schickst mich also raus ins feindliche Leben.“
„Nein, nur bis zur Kühltruhe im Keller.“ Kerstin griff schnell nach einem Kimono, hüllte sich darin ein. Vorsicht war besser. Tim konnte unersättlich sein. Das hatte zwar was, aber … erst mal musste sie was essen, schließlich lag das Frühstück schon vierzehn Stunden zurück, seither hatte sie nichts mehr in den Magen bekommen.
Während die Pizza im Ofen aufgebacken wurde, machten sie sich frisch und zogen sich an. Und als dann der Duft von Hefeteig, Tomaten und Käse durch die Wohnung zog, gaben sie sich erst einmal mit Genuss dem Essen hin.
„So was Profanes wird es bei Gloria Ravenstein sicher nicht gaben“, lachte Kerstin.
„Sicher nicht. Sie steht auf Hummer, Jakobsmuscheln und frischen Austern.“
„Igitt, bitte nicht! Ich hasse Austern. Und Hummer... hab ich noch nie einen ganzen gegessen.“ Irritiert sah sie ihn an. „Das kann ich gar nicht, glaub ich.“
Tim lachte. „Musst du bestimmt auch nicht. Soweit ich Frau Ravenstein kenne, lebt sie ganz normal – und so wird auch das Essen sein, das sie serviert.“
„Du hast mich reingelegt, du Schuft.“
„Gnade!“ Lachend hob er beide Hände. „Ach, ich bin heute so gut drauf... ich könnt die ganze Welt umarmen.“
„Na, mir wär’s schon lieber, du beschränktest dich auf mich“, konterte Kerstin trocken.
„Tu ich doch immer.“ Er streckte die Hand aus, nahm ihre Finger und streichelte sie zärtlich. „Übrigens... es gibt Neuigkeiten von Volker“, sagte er. „Hatte ich fast ganz vergessen: Er darf wahrscheinlich schon Ende der Woche nach Hause!“
„Das ist ja herrlich! Ich wünsche ihm so sehr, dass er bald wieder ganz gesund wird.“
„Wird er. Ganz sicher. Er ist eine Kämpfernatur. Und die Liebe zu Melanie gibt ihm noch zusätzlich Kraft.“
Kerstin nickte nur. Sie war nicht ganz so optimistisch wie Tim, aber sie wünschte sich von Herzen, dass Melanie und Volker auch bald so schrankenlos glücklich sein konnten wie sie und Tim.
+ + +
Ein grausam schrilles Klingeln schreckte Oliver von Sternburg auf. Es dauerte eine Weile, ehe ihm bewusst wurde, dass er von der breiten Ledercouch gerutscht war und auf der Erde lag. Und das penetrante Geräusch – es kam vom Telefon und war nur das bekannte dezente Klingeln. In seinen Ohren aber klang es grausam laut. Mühsam rappelte er sich auf und tastete nach dem Hörer.
„Ja bitte.“ Seine Stimme klang belegt.
„Hey, Darling, wie geht’s dir!“
„Vera?“
„Klar doch. Ich bin gerade aus Paris zurück. Es war verdammt hart. Die jungen Dinger... sie sind nicht nur dürr wie Bohnenstangen, sondern auch billiger zu haben für die Modehäuser. Du, ich sag dir, dieser Druck ist ätzend. Ich steig bald aus.“ Die Worte sprudelten nur so über ihre Lippen, dann fragte sie übergangslos: „Wann hast du Zeit? Ich würd dich gern sehen.“
„Ich... also, es geht heute nicht“, wehrte er ab.
„Ach nein? Bin ich schon wieder abgeschrieben?“ Ein Lachen, das nicht ganz echt klang, begleitete ihre Worte.
„Unsinn. Es geht mir nur nicht gut zurzeit.“
„Das ist ja ganz was Neues. Aber gut, dann ruf ich eben Ewald an. Der ist nicht so fad wie du.“ Ewald Steinheuert war ein bekannter Fotograf und in der Münchner Szene kein Unbekannter.
„Tu das. Viel Spaß.“ Ohne ein weiteres Wort legte Graf Oliver auf. Dann schleppte er sich zurück zur Couch und goss sich erst mal einen Drink ein. Dieser Druck im Kopf... seit Tagen quälte er sich jetzt schon damit herum. Und ihm wurde auch immer häufiger schlecht. Vielleicht sollte er wirklich mal einen Arzt aufsuchen, wie Melanie es ihm geraten hatte.
Melanie... sie war ein süßes Ding. Schade, dass sie ihm entwischt war. Es wäre eine amüsante Abwechslung gewesen.
Entspannt lehnte er sich zurück und hoffte, dass der Alkohol die Schmerzen betäuben könnte. Doch auch nach dem dritten Drink verspürte er keine Erleichterung. Zu allem Überfluss klingelte es an der Tür. Und nur, weil er auch diesen Ton als überaus schmerzhaft empfand, rappelte er sich auf und öffnete.
„Ihr... was macht ihr denn hier?“ Überrascht sah er seine Schwägerin und seinen Bruder an. Ihre Gesichter waren ernst, wirkten undurchdringlich. Nora allerdings sah aus, als hätte sie vor kurzem noch geheult. Himmel, sie sollte sich wegen Volker nicht so anstellen, dem ging es doch schon wieder ganz gut!
„Wir müssen mit dir reden.“ Ohne eine Aufforderung abzuwarten trat Joachim ein.
„Klar doch. Was liegt an?“ Er versuchte sich lässig zu geben. „Wollt ihr einen Drink?“
„Danke, nichts“, lehnte Nora ab, während sie sich in einem der Sessel niederließ.
„Also, um gleich auf den Punkt zu kommen: Es fehlen Unterlagen in unserem französischen Werk. Forschungsunterlagen von immensem Wert.“
„Ach ja? Das ist ärgerlich.“
„Sehr ärgerlich sogar.“ Joachim von Sternburg hatte Mühe, die Ruhe zu bewahren. „Es ist erwiesen, dass jemand Forschungsergebnisse gestohlen und veräußert hat. Allerdings nicht in ihrem gesamten umfang. Ich vermute, der Dieb hat Skrupel gekriegt und den Käufern – es waren Vertreter eines indischen Konkurrenten – nur etwa ein Drittel der Dokumente überlassen. Das wird natürlich noch Konsequenzen für ihn haben. Die Inder werden inzwischen herausgefunden haben, dass sie nur einen Teil der benötigten Unterlagen besitzen.“
„Und warum erzählst du mir das? Ich bin schließlich nicht in der Geschäftsführung. Sieh zu, dass du das Problem mit deinen Prokuristen in den Griff kriegst.“ Es sollte gelassen klingen, doch wer Oliver von Sternburg kannte, hörte deutlich die Unsicherheit aus seinen Worten heraus.
„Keine Sorge, das Problem hab ich im Griff.“ Die Stimme des Konzernchefs klang eisig. „Und genau deshalb bin ich hier.“
Oliver zuckte mit den Schultern. „Ich hab’s doch schon gesagt – deine Firmenprobleme interessieren mich nicht. Ich krieg mein Geld als stiller Teilhaber, das reicht mir.“ Aus zusammengekniffenen Augen sah er den älteren Bruder an. „Wir waren uns doch von Anfang an einig: Du leitest den Betrieb, ich red dir nicht rein und kriege meine 40 Prozent vom Gewinn. Oder gilt das auf einmal nicht mehr?“
„Ganz offensichtlich nicht mehr. Denn sonst hättest du dich nicht so weit vergessen und dich in Marseille an den Unterlagen vergriffen.“ Graf Joachims Stimme klang eisig.
„Was unterstellst du mir da? Bist du verrückt geworden?“ Empört sprang Oliver auf. „Das ist eine infame Verleumdung. Eine bodenlose Unverschämtheit!“ Er ging auf den Älteren zu. „Wer hat dir das eingeredet? Von allein bist du doch nicht auf so ein Hirngespinst gekommen!“
Joachim von Sternburg winkte ab. „Erspar uns dieses Schmierentheater. Es steht definitiv fest, dass du die Unterlagen kopiert und verkauft hast. Der Detektiv, den ich beauftragt habe, kann es beweisen.“
„Was hast du getan? Mich bespitzeln lassen? Das ist ja wohl das Letzte!“ Ihm wurde siedend heiß. Ob sein Bruder wirklich was Konkretes wusste oder nur einen Verdacht hatte? Ob er bluffte? In Windeseile überlegte er. Wer konnte ihn und den Inder beobachtet haben? Niemand. Sie hatten sich in einem billigen Hotel am Hafen getroffen. Und er hatte ganz genau aufgepasst, dass ihm niemand gefolgt war. Nein, Joachim hatte nichts gegen ihn in der Hand. Der suchte nur einen Sündenbock. Aber nicht mit ihm! Das ließ er nicht mit sich machen!
„Das ist einfach ungeheuerlich. Und so was nennt sich mein Bruder. Sag mal, schämst du dich gar nicht, mir so was zuzutrauen?“
Zum ersten Mal warf Gräfin Nora etwas ein. „Wir wissen, dass du es warst, Oliver. Sei vernünftig, gib es zu. Vielleicht könnten wir noch Schadensbegrenzung machen.“ Sie zögerte, sah ihren Mann eindringlich an. „Joachim ist sicher der Letzte, der dir Böses will. Aber es ist nun mal bewiesen, dass du mit der Sache was zu tun hast.“
„Ach was! Gar nichts ist zu beweisen. Ich hab doch nur...“ Aufstöhnend brach er ab, griff sich an die Stirn und massierte sie.
„Hast du Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Joachim.
„Ja. Häufiger in letzter Zeit.“
„Das ist das schlechte Gewissen“, meinte Joachim spontan. Er nahm Oliver bei den Schultern, schüttelte ihn leicht. „Sag mal, was hast du dir dabei gedacht? Warst du in Geldnot? Warum bist du dann nicht zu mir gekommen?“
„Geldnot... Quatsch.“
„Aber was war es dann?“ Eindringlich sah er den jüngeren Bruder an. „Oliver, ich kenne dich durch und durch. Du hast früher schon mal Mist gebaut. Aber du hast nie einem anderen geschadet. Und jetzt... jetzt hast du die Firma betrogen.“ Er machte eine kleine Pause. „Leugne es nicht, es stimmt. Ich weiß auch, dass du im letzten Moment wohl Skrupel bekommen hast. Schließlich sind nicht alle Daten weiter gegeben worden. Deine Abnehmer müssen vor Wut getobt haben, als sie merkten, dass die wichtigsten Unterlagen fehlen. Sind sie dir nicht aufs Dach gestiegen?“
Oliver winkte ab. Er wollte zu einer großspurigen Erwiderung ansetzen, aber kein Wort kam auf einmal über seine Lippen. Aus großen, geweiteten Augen sah er Joachim an. Panik stieg in ihm auf. Was sollte das jetzt? Und dann waren da auch wieder diese Schmerzen hinter den Schläfen... Er beugte sich vor, presste die Handballen gegen die Stirn.
Stirnrunzelnd sah sein Bruder ihn an. Was sollte das jetzt? Aber noch bevor er etwas sagen konnte, schrie Oliver auf – dann sank er ohnmächtig zu Boden.
Nur eine Schrecksekunde lang blieben Nora und Joachim von Sternburg regungslos, dann sprangen beide auf. Nora beugte sich über den Bewusstlosen, kontrollierte seinen Puls, während ihr Mann schon das Handy herausholte und einen Notarzt anrief.
Vergessen war das, was Oliver getan hatte – jetzt hatten beide Angst um sein Leben.
Niemand hätte vor einigen Tagen vorhersehen können, dass Oliver von Sternburg und Karina Ambross einmal in ein und derselben Klinik liegen würden. Doch während es der schönen Witwe inzwischen wieder ganz gut ging und sie in einem Privatzimmer Freunde und Bekannte ‚empfing’, stand es um Oliver gar nicht gut. Karina hatte jedwede Angabe zu ihrer Erkrankung verweigert. Dass sie sich an einer Designerdroge fast vergiftet hätte – das sollte, das durfte niemand erfahren. Die Ärzte waren an ihre Schweigepflicht gebunden. Sie selbst erzählte ihren Besuchern, dass sie einen Schwächeanfall erlitten hätte. „Das Klima in Italien ist mir wohl nicht bekommen. Vielleicht war es auch ein Virus... da sind sich die Mediziner nicht einig.“ So war ihre offizielle Version, und niemand wagte sie zu bestreiten.
Anders hingegen Oliver. Er war dem Tod näher als dem Leben. Lange wurde er untersucht, und Gräfin Nora und Graf Joachim gingen besorgt vor der Notaufnahme auf und ab. Einmal kam ein junger Arzt heraus, doch als sie ihn fragten, was mit Oliver wäre, zuckte er nur mit den Schultern. „Noch lässt sich leider keine konkrete Diagnose stellen. Sie müssen sich gedulden, es stehen noch ein paar Tests an.“
Und wieder warteten sie. Der Zorn, den er vor einigen Stunden noch empfunden hatte bei dem Gedanken daran, dass Oliver der Firma einen immensen Schaden hätte zufügen können, war aufrichtiger Sorge um den jüngeren Bruder gewichen.
„Diese Ohnmachtsanfälle... hatte er die schon häufiger?“, wurde Joachim von Sternburg schließlich von dem älteren der Dienst habenden Ärzte gefragt.
„Tut mir leid, das kann ich nicht beantworten. Mein Bruder... er lebt nicht bei uns. In den letzten Wochen hab ich kaum etwas von ihm gehört. Er war auf einer längeren Reise – leider kann ich nicht sagen, wo.“
Der Arzt in der Notaufnahme machte ein sorgenvolles Gesicht. „Ich kann nichts Konkretes feststellen. Morgen werden wir eine CT anfertigen, dann wissen wir mehr.“
„Sie tun alles Menschenmögliche, nicht wahr?“
„Das ist selbstverständlich, Herr Graf. Machen Sie sich keine allzu großen Sorgen, wir werden schon herausfinden, was Ihrem Herrn Bruder fehlt.“ Aber so optimistisch seine Worte auch klangen – sein ernster Gesichtsausdruck strafte sie Lügen.
+ + +
„Ich bin ja so wahnsinnig glücklich!“ Kerstin Schneider warf den Kopf in den Nacken, dass die dunklen Haare um ihr Gesicht flogen. „Stell dir vor – Tim hat den ganz großen Coup gelandet, das ist bestimmt sein Durchbruch. Und ich... ich hab einen irren neuen Job in einer Promi-Bar.“
„Du bist Grafikerin, keine Bardame“, wandte Melanie ein.
„Ach was, das ist doch nur was für den Übergang. Besser jedenfalls als im Studentencafé. Ich treffe sicher ein paar interessante Leute, die geben tolles Trinkgeld...“
„Du wirst noch materialistisch“, grinste die Freundin. „Aber als Frau eines Starregisseurs steht dir das ja auch zu.“
„Du bist ja richtig boshaft. Und ironisch.“
„Quatsch, nur ehrlich.“ Melanie lachte, dann fügte sie hinzu: „Ich freu mich wirklich sehr für dich. Nein, für euch. Wenigstens ihr habt keine Sorgen.“
„Du hast Sorgen?“ Sofort wurde Kerstin wieder ernst. „Was ist los? Wieder was mit Volker? Davon hat Tim gar nichts erzählt.“
„Nein, nein, es... es hat nur indirekt etwas mit ihm zu tun. Gesundheitlich geht’s ganz gut. Die Chemo ist vorbei, er darf übermorgen nach Hause.“ Ein Seufzer folgte.
Kerstin runzelte die Stirn. „Ach so, jetzt versteh ich... wenn er zu Hause auf dem Schlossgut ist, kannst du ihn nicht mehr so oft sehen.“
Die Freundin nickte. „Er will, dass ich mit ihm komme“, sagte sie leise. „Ich soll mich um ihn kümmern.“
Kerstin lachte. „Das erinnert mich an einen Film mit Julia Roberts und...“
„Hör auf, das hat Tim auch schon gesagt. Aber das ist doch Unsinn! Erstens ist Volker gar nicht mehr so krank, er hat beste Aussichten, wieder ganz gesund zu werden. Zweitens hab ich keine Zeit, wochenlang draußen am Chiemsee zu leben. Ich muss zur Uni!“
„Aber du könntest doch wenigstens am Wochenende rausfahren.“
Melanie zuckte mit den Schultern. „Mal sehen. Ich...“ Sie biss sich auf die Lippen, wischte sich kurz über die Augen. „Vielleicht vergisst er mich ja auch ganz schnell wieder. Wenn er gesund ist, werden seine alten Freunde wieder auftauchen und ihn mit Beschlag belegen. Dann sind wieder Partys angesagt.“
„Das glaub ich nicht von Volker. Er liebt dich. Ganz ehrlich.“
Melanie erwiderte nichts darauf, ablenkend fragte sie die Freundin nach Tims Drehbuch und dem Abend bei Gloria Ravenstein.
„Es war einfach irre!“ Kerstin ließ sich wirklich auf ein anderes Thema bringen. „Diese Frau ist wirklich faszinierend. Und ihre Freundin ebenfalls. Dann waren da noch ein paar Kollegen von ihr, ein wichtiger Produzent und ein wahnsinnig gut aussehender junger Schauspieler. Kennst du Thorsten Sattler?“
„Klar. Er ist der absolute Teenagerschwarm. Irgendeine Zeitung hat mal geschrieben, er sei die deutsche Antwort auf Brad Pitt.“
„Mit dem Unterschied, dass Brad Pitt nicht schwul ist.“ Kerstin grinste. „Aber Thorsten ist es – wenn er es auch kaschiert. Doch an dem Abend hat er ganz deutlich sein Interesse an Herbert Brettner, dem Produzenten signalisiert. Ich war hin und weg, wie die beiden geturtelt haben. Richtig süß.“
Sie erzählte noch ein paar Anekdoten, schilderte die alte Villa, in der Gloria Ravenstein lebt und lenkte Melanie so von ihren tristen Gedanken ab.
Vier Stunden später dann trafen sich Melanie und Volker im Klinikpark. Für kurze Zeit durfte der Kranke jetzt schon nach draußen, langsam sollte sein Immunsystem wieder gestärkt werden. Volkers Haare waren inzwischen ganz ausgefallen, er trug eine leichte Wollmütze auf dem Kopf und einen Kaschmirschal um den Hals.
„Und das bei fast zwanzig Grad“, klagte er.
„Du musst vorsichtig sein.“ Melanie sah ihn zärtlich an. „Ich freu mich für dich, dass es dir wieder so gut geht. Übermorgen kannst du heim, nicht wahr?“
Volker blieb stehen und zog sie an sich. „Und du kommst mit. Bitte. Wenigstens fürs erste Wochenende.“ Er küsste sie liebevoll. „Ich möchte endlich ganz ungestört mit dir allein sein können.“ Er spielte mit einer blonden Haarsträhne. „Wir hatten doch noch gar nicht wirklich Zeit für uns – für unsere Liebe.“ Ein kurzer, prüfender Blick traf sie. „Oder kannst du dir nicht vorstellen, mit einem Glatzkopf zusammen zu sein?“ Es sollte witzig klingen, aber Melanie hörte genau heraus, wie ängstlich er war.
„Du bist ein Dummkopf“, sagte sie und zog zärtlich seinen Kopf zu sich. Sacht wischte sie ihm die Mütze ab. „Ich stehe auf Glatzen. Sie machen sexy.“
„Hmm... das hör ich gern. Also kommst du mit raus zum Schloss.“
Es kostete sie Überwindung, zuzustimmen. Andererseits war ihr bewusst, dass es Volker kränken musste, wenn sie ablehnte.
„Ich freu mich so.“ Übermütig hob er sie hoch, wirbelte sie einmal herum.
„Aufhören! Hör sofort auf! Du darfst dich nicht anstrengen!“
„Jawohl, Frau Doktor. Bin schon wieder brav.“ Er grinste. „Ich frag mich nur, was das wird im Bett... wenn ich mich doch nicht anstrengen darf...“
„Du bist unmöglich, Volker!“ Sie wurde rot. „Kannst du denn nur daran denken, wie es mit mir im Bett ist?“
„Nicht nur daran. Aber auch. Und, ehrlich gesagt, besonders gern.“ Wieder dieses jungenhafte Grinsen, das vergessen ließ, wie krank er doch im Grunde noch war.
„Ich sag’s ja: Du bist unmöglich!“ Sie küsste ihn rasch auf den Mund. „Aber ich liebe dich.“
„Das sag ganz schnell noch mal“, forderte er und hielt sie fest.
„Ich liebe dich.“ Strahlend sah sie ihn an. „Ich liebe, liebe, liebe dich, Volker von Sternburg.“
„Dann ist es gut.“ Fest zog er ihren Arm durch den seinen. „Spazieren wir noch runter zu dem kleinen Teich? Ich hab von meinem Krankenzimmer aus so oft das Schwanenpaar beobachtet, das da seine Kreise zieht. Sie sind wie ein altes Ehepaar – einer kann nicht ohne den anderen.“
„Das ist schön.“ Melanie drückte seinen Arm. „Ich bin glücklich“, flüsterte sie.
„Nicht glücklicher als ich“, gab er zurück. Und tief im Innern dankte er dem Schicksal dafür, dass es ihm in den schwersten Stunden diese wunderbare Frau an die Seite gegeben hatte. Langsam schlenderten sie durch den Park, der immer noch in sommerliche Farben trug, obwohl der September sich bereits dem Ende zuneigte. Auf der großen Rasenfläche in Kliniknähe blühten noch Rosenbüsche in verschwenderischer Pracht, und neben fast jeder Bank, die zum Ausruhen einlud, stand ein Kübel mit bunten Sommerblumen, die schon beim Anschauen Optimismus verbreiteten.
Unten am Teich jedoch dominierten Schilfgräser und einige wenige Geranienbüsche.
„Die müssen ja schon Jahre alt sein“, meinte Melanie. „So groß, wie die sind...“
„Wir haben auf dem Gut ein paar Fuchsienbüsche und Geraniensträucher, die über zehn Jahre alt sind. Es ist der ganze Stolz meiner Mutter, dass sie sie jedes Jahr überwintern kann. Sie kommen dann einfach in ein Mistbeet in einem alten Stall – und blühen im nächsten Jahr wieder wie verrückt.“
„Hoffentlich steht dieser Stall noch und ist nicht auch ein Opfer der Flammen geworden.“
„Ja, der ist ganz am Ende des Hofes. Ich bin mal gespannt, ob sich inzwischen herausgestellt hat, wer für den Brand verantwortlich ist.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab gar nicht mehr danach gefragt.“
„Das ist doch verständlich. Du hattest andere Sorgen.“
„Trotzdem... es interessiert mich schon. Allein die Vorstellung, dass es einer meiner Freunde von der Uni gewesen sein könnte, der so leichtsinnig war... Nein, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.“
„Vielleicht hat man den Verursacher schon lange festgestellt und zur Rechenschaft gezogen. Wenn du wieder daheim bist, kannst du deinen Vater ja mal fragen.“
Damit waren sie wieder beim Thema – Volkers Heimkehr aufs Schlossgut am Chiemsee.
„Niemand kann sich vorstellen, wie froh ich bin, diesen Kasten“ – er deutete hinüber zur Klinik – „endlich verlassen zu können.“
Melanie nickte. „Doch, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Schließlich hab ich viel mit Kranken zu tun. Und etliche von ihnen haben es nicht so gut wie du, die werden nicht mehr gesund. Vor einigen Tagen erst hat man uns in der Uni ein kleines Mädchen vorgestellt. Leukämie in ihrer aggressivsten Form. Das geht schon an die Substanz. Und wenn ich dann so ein kleines Würmchen sehe, dazu die verzweifelten Eltern, dann frag ich mich manchmal schon, ob ich dem Beruf, den ich mir ausgesucht habe, gewachsen bin.“
„Das bist du. Ganz sicher. Und du wirst eine fantastische Ärztin werden“, versicherte Volker. „Außerdem – du hast ganz Recht, wenn du mir den Kopf zurecht rückst. Ich bin undankbar. Jammere wegen einiger Wochen in der Klinik. Dabei gibt es Patienten, die viel länger hier bleiben müssen – oder eben gar nicht mehr gesund werden.“
„Das stimmt. Leider. Umso glücklicher bin ich, dass es dir schon wieder so gut geht.“
Er zog sie fest an sich. „Warte nur, bis wir draußen am See sind. Dann zeig ich dir, wie fit ich wieder bin.“
Sie verstand ihn genau, schließlich sagte das übermütige Funkeln seiner Augen alles. Aber es war so wundervoll, ihn zu necken – so, wie sich alle frisch Verliebten necken. „Willst du mit mir eine Kahnpartie machen? Du, das könnte wirklich zu anstrengend sein.“
„Kahnpartie!“ Er griff in ihr Haar, zog sie so ganz dicht an sich. „Ich werde mit dir Schlitten fahren. Bis ins Paradies.“
„Ich kann’s kaum erwarten.“
Eng umschlungen gingen sie einmal um den kleinen Teich, dann gestand sich Volker ein, dass er erschöpft war. So viele Tage im Bett hinterließen ihre Spuren. Aber das war fast schon vergessen, bald begann sein neues Leben. Ein Leben mit Melanie.
+ + +
Vier Tage lag Oliver von Sternburg nun schon in der Klinik, und seine Laune wurde von Stunde zu Stunde mieser. „Das ist so was von unsinnig!“, schimpfte er auch jetzt wieder, als eine junge Laborantin kam, um ihm Blut abzunehmen. „Da drehen Sie mich durch die Mangel – und finden nichts. Ist ja auch ganz klar. Wo nichts ist, kann auch der geldgeilste Arzt nichts finden. Aber so ist das wohl inzwischen, wenn man Privatpatient ist. Da wird man ausgenommen wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans.“
„Bitte, Herr von Sternburg... es geschieht doch alles zu Ihrem Besten. Noch steht nicht ganz fest, warum Sie diese Zusammenbrüche haben und die Kopfschmerzen. Aber glauben Sie mir, unser Chef ist eine Kapazität und wird bestimmt...“
„Er will sein dickes Honorar, das ist alles“, fiel er ihr erregt ins Wort. Sein Gesicht rötete sich besorgniserregend, und schon überlegte die Laborantin, ob sie nicht die Unterstützung eines Arztes oder zumindest der Stationsschwester anfordern sollte.
Doch dann, urplötzlich, wurde Oliver von Sternburg still. Ein Stöhnen kam über seine Lippen, mit einem erstickten Laut fiel er in die Kissen zurück. „Machen Sie schon“, flüsterte er dann. „Ich muss schlafen. Und eine Schmerztablette haben.“
„Ich schicke Ihnen gleich einen Arzt.“
Sie nahm das Blut ab, doch noch bevor sie einen Arzt vom schlechten Befinden des Patienten informieren konnte, erschien der Professor Kahlenbach persönlich, begleitet von seinem Oberarzt Dr. Mettnersen. Beide wirkten sehr ernst.
„Herr Graf... fühlen Sie sich gut?“ Besorgt griff der Chefarzt nach Olivers Handgelenk und tastete nach dem Puls.
„Wenn ich fit wäre, hätten Sie mich nicht in Ihren Krallen“, gab Oliver mürrisch zur Antwort. „Also, wissen Sie jetzt, woher die Migräne kommt? Was anderes ist es ja wohl nicht.“
„Doch. Leider. Deshalb müssen wir mit Ihnen reden.“ Der Chefarzt zog sich einen Stuhl ans Bett, während Oberarzt Dr. Mettnersen am Fußende stehen blieb und den Patienten beobachtete. Sympathisch war ihm Oliver von Sternburg nicht, und doch... die Diagnose, die sie ihm mitzuteilen hatten, war so grausam, dass er Mitleid verdiente.
„Wollen Sie noch mehr an mir herumdoktern? Ehrlich, ich bin’s leid. Wenn Sie keine Ahnung haben – als Versuchskaninchen bin ich mir zu schade.“ Immer wieder kniff er bei diesen Worten die Augen zusammen, weil wieder dieses verdammte Flimmern auftrat, eine unangenehme Begleiterscheinung der Kopfschmerzen. „Geben Sie mir lieber was gegen dieses Stechen im Hinterkopf. Das wird ja wohl möglich sein.“
„Dieses Stechen hat eine Ursache, Herr von Sternburg.“ Professor Kahlenbach ließ sich nicht aus der Reserve locken. Er blieb ruhig und beherrscht. „Sie wissen, dass wir einige Untersuchungen durchgeführt haben. Gestern dann die Computertomografie. Das Ergebnis liegt jetzt vor: Sie haben einen Tumor.“
„Ach nein! Das scheint bei uns wohl in der Familie zu liegen. Dann schneiden Sie ihn raus. Das hat Ihr Kollege bei meinem Neffen auch gemacht. Der ist jetzt wieder topfit.“
„So einfach liegt der Fall leider nicht. Dieser Tumor... er hat eine diffizile Lage. Wenn wir dort am Gehirn arbeiten, kann es zu irreparablen Schäden kommen.“
„Dann machen Sie Ihren Job gefälligst perfekt. Bin schließlich Privatpatient. Und wenn Sie nicht dazu in der Lage sind, holen Sie einen Kollegen, der mehr von seiner Arbeit versteht. Am Geld soll’s nicht scheitern.“ Er drehte sich zur Seite. „Und jetzt will ich meine Ruhe.“
Noch einen Ansatz machte der Professor, dann musste er einsehen, dass es keinen Sinn hatte, heute mit Oliver von Sternburg zu reden. Der Kranke konnte – oder wollte ihn nicht verstehen!
Oliver hingegen begriff sehr wohl, was der Arzt da gesagt hatte. Ein Tumor im Kopf... das war eine üble Sache. Und gefährlich. Nichts für einen Provinzdoktor. Er würde am besten in die USA fliegen und sich dort operieren lassen. Mal sehen, was Joachim davon hielt.
Erst nach einer Weile fiel ihm der Streit wieder ein, den er mit seinem Bruder gehabt hatte – und der letztendlich den schweren Zusammenbruch zur Folge gehabt hatte.
„Nein, besser nicht Joachim. So was sollte man auch nicht an die große Glocke hängen, sondern sehr diskret abhandeln.“ Er dachte angestrengt nach, was angesichts der Kopfschmerzen fast nicht möglich war. Erst als die Tablette, die er genommen hatte, ihre volle Wirkung entfaltete, konnte er sich die nächsten Schritte überlegen. Als erstes galt es, die Ärzte hier ganz energisch auf ihre Schweigepflicht hinzuweisen. Niemand sollte, niemand durfte erfahren, woran er litt! Dann würde er einfach hier verschwinden, sich ein Ticket nach New York oder Los Angeles kaufen und sich dort von einem Spezialisten behandeln lassen.
Er überlegte, wen er in New York kannte. So gut kannte, dass er ihn um Hilfe bitten könnte. Jeff Lindbloom vielleicht. Oder Tess Mastersen. Mit ihr hatte er vor zwei Jahren eine ziemlich heiße Affäre gehabt. Oder doch besser Jeff? Oder Ben Jessner? Mit Ben hatte er einige Monate lang studiert, dann war Benjamin ausgewandert, hatte als Computerspezialist drüben ein Millionenvermögen gemacht.
Ja, Ben war wohl der richtige Mann!
Oliver beschloss, in den nächsten zwei Tagen noch ein paar von den exzellent wirkenden Tabletten zu sammeln, die ihm die Kopfschmerzen erträglich machten, dann wollte er hinausfahren zum Schlossgut. Von dort konnte er bei Ben anrufen und ungestört mit dem Freund reden. Zuvor aber musste er das ganze Kokain, das hoffentlich noch in der Sattelkammer versteckt lag, in Sicherheit bringen. Wenn er daran dachte... Himmel, dieser Brand hätte fast alles zerstört. Und das nur wegen eines Quickies.
Während er versuchte, einen Plan zu konstruieren, wie und was er tun musste, um an das Koks zu gelangen und dann das Land zu verlassen, schlief er ein.
Geweckt wurde er durch ein unsanftes Rütteln an der Schulter und eine wütende Stimme. Gleich schoss wieder eine Schmerzflamme in ihm hoch.
„Lasst mich doch in Ruhe“, murmelte er.
„Das könnte dir so passen!“ Die Frauenstimme wurde womöglich noch ein wenig lauter. „Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede. Und verschanz dich nicht hinter irgendeiner Krankheit. Das glaub ich dir sowieso nicht. Oder – hast du vielleicht auch zu viel von diesem verdammten Zeug genommen? Was ist da nur reingemischt worden?“
Mit einem Ruck drehte er sich jetzt um. „Karina...“
„Genau die. Nun sieh mich nicht so an, als wäre ich ein Marsmensch.“
„Wie kommst du hierher? Wer hat dich reingelassen?“
„Ich mich selbst. Was dagegen?“ Kühl sah sie auf ihn herunter. Elend sah er aus, stellte sie fest. Die Augen lagen tief in den Höhlen, die Gesichtshaut war fahl. Das Wort Charme und Esprit in Verbindung mit ihm zu bringen – unmöglich!
„Ich will niemanden sehen. Das hab ich auch gesagt.“
„Nicht zu mir. Außerdem würde es mich auch nicht interessieren. Ich hab deinetwegen eine ganze Zeit hier herumliegen müssen. Dieses Zeug, das du noch bei mir hattest... so ein Mist! Ich bin dran fast krepiert.“
Stirnrunzelnd sah er sie an. Wovon sprach sie? Erst nach einer Weile begriff er, dass sie wohl die paar Gramm Kokain und die neue Designerdroge meinte, die er noch in ihrer Villa deponiert hatte. „Brauchtest dich ja nicht dran zu vergreifen. Dazu hat dich niemand aufgefordert. Im Gegenteil – du hast mich bestohlen!“ Mühsam richtete er sich auf. „Hast du eine Ahnung, wie teuer das Zeug ist?“
„Zu teuer, wenn man damit fast hops geht.“
„Ach was. Red nicht so einen Müll. Wer weiß, was du dir alles reingekippt hast.“ Er drehte sich wieder um. „Und jetzt verschwinde. Lass mich allein.“
Karina Ambross aber ließ sich nicht so leicht abschütteln. „Das könnte dir so passen“, zischte sie und beugte sich über ihn. „Du schuldest mir noch was!“
„Gar nichts schulde ich dir. Und wenn du die Miete meinen solltest... die hab ich abgearbeitet. Und das nicht zu knapp.“ Ein bösartiges Grinsen huschte über sein blasses Gesicht. „Eigentlich müsstest du mir noch was geben – so viel Vergnügen war es auch nicht, dich alte Fregatte zu befriedigen.“
Karina biss die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. „Das büßt du mir“, zischte sie schließlich. „Ich werde dich anzeigen. Ich werde dich in der Stadt... ach, was sag ich... ich werde dich im ganzen Land unmöglich machen. Von Oliver von Sternburg, dem großartigen Playboy und Partylöwen, wird dann niemand mehr auch nur ein Stück Brot nehmen!“ Sie krallte die Hände um seinen Arm. „Warte nur, bis ich mit dir fertig bin – du wirst dir wünschen, mir niemals begegnet zu sein.“
„Das tu ich jetzt schon. – Und jetzt verschwinde endlich. Deine Tiraden langweilen.“
„Ich gehe zur Polizei und zeig dich an!“, drohte Karina.
„Von mir aus. Vergiss aber nicht, dich auch selbst anzuzeigen – wenn es nicht von der Klinik aus schon geschehen ist. Eventuell wartet sogar schon eine Entziehungsklinik auf dich.“
„Dann sehen wir uns ja wieder!“ Mit einem Ruck stand sie auf. „Bis dahin wünsche ich dir alles Schlechte.“
Als sie das Zimmer verlassen hatte, atmete Oliver von Sternburg tief auf. So eine hysterische Zicke! Ein Glück, dass er sie los war. Angst, dass sie ihre Drohung wahrmachen und ihn anzeigen würde, hatte er nicht. Karina fürchtete mit Sicherheit um ihren guten Ruf, und der war schon jetzt in Gefahr. Wenn sie erst einmal in Verbindung mit Drogen gebracht werden würde, war’s Ende mit ihrem High Society-Leben. Und so, wie er sie einschätzte, hatte sie vor nichts so viel Angst wie davor, einmal nicht mehr „dazu“ zu gehören.
Er schlief ein, träumte wirr – und wachte sechs Stunden später vollkommen schmerzfrei auf. Draußen war es still, und als er aus dem Fenster sah, bemerkte er, dass es bereits dunkel war. Ein Blick auf die Uhr – Mitternacht war schon vorbei.
Inzwischen wusste er, dass die Nachtschwester zwei- bis dreimal kam, um nach den Patienten zu sehen. Leise stand er auf, ging ins angrenzende Bad und machte sich frisch. Dann zog er sich an, legte sich wieder zu Bett und wartete auf den Kontrollgang.
Eine dreiviertel Stunde später kam Nachtschwester Andrea, sie knipste nur das abgemilderte Nachtlicht an und warf einen Blick auf den schlafenden Mann im Bett. Alles in Ordnung. Zufrieden ging sie weiter. Es gab auf der angrenzenden Station zwei Frischoperierte, die bedurften heute ihrer besonderen Fürsorge. Da war es angenehm, dass hier niemand Probleme machte.
Oliver wartete noch ein wenig, dann stand er auf, zog sich die Schuhe an und griff nach seiner Lederjacke, die im Schrank hing. Zum Glück war auch die Brieftasche vorhanden! Er würde sich gleich von der Klinik aus zum Chiemsee fahren lassen. Mit ein wenig Glück konnte er ungehindert in den Stall kommen und dann in der Sattelkammer nachsehen, ob noch alles vorhanden war. Seinem Bruder mochte er nicht begegnen – Joachim und seine Moralpredigten! Schon als Kind hatte er sie gehasst! Immer war der ältere Bruder besser, anständiger, fleißiger und strebsamer gewesen.
Doch er, Oliver, hatte das Leben genossen! Und zwar in vollen Zügen. Das hatte auch was für sich!
Dass dieses Leben extrem teuer war... na ja, alles hatte eben seinen Preis. Schöne Frauen, schnelle Autos, wilde Partys, Reisen... nichts gab’s umsonst. Und weil sein Gewinnanteil als Stiller Teilhaber des Konzerns seit zwei Jahren nicht mehr ausreichte, war er auf die Idee gekommen, einige der Forschungsergebnisse zu verkaufen. Voriges Jahr waren es die Araber gewesen, die ein paar Formeln hatten haben wollen. Bisher war dieser Deal nicht aufgefallen. Leider waren die Sicherheitsvorkehrungen in Marseille ziemlich hoch. Na ja, die Forschungsdaten eben auch ziemlich teuer. Im letzten Moment hatte er Skrupel bekommen. Das, was er da tat, war im höchsten Maß geschäftsschädigend. Und würde letztendlich auch ihm schaden. Also hatte er nur einen Teil der Formeln verkauft. Die Inder würden toben, wenn sie merkten, dass die letzten beiden Seiten des Dossiers gefälscht waren!
Leise kicherte er vor sich hin. Er war schon ein toller Typ. Und dass man ihm hier in dieser Klinik jetzt einreden wollte, er sei krank... bekloppt waren die Ärzte doch! Er fühlte sich gut! Brauchte nur ein bisschen von seinen Stoff. Wenn er den erst wieder hatte, war alles in bester Ordnung.
Ungesehen konnte er die Klinik verlassen. Zum Glück parkten vorn an der Straße noch zwei Taxen. Aufatmend ließ er sich in die Polster des ersten Wagens fallen. „Zum Chiemsee.“
„Wohin wollen Sie?“ Ungläubig sah ihn der Fahrer an.
„Haben Sie’s mit den Ohren? Ich will zum Chiemsee raus. Genauer gesagt nach Gut Sternburg.“ Er lachte leise. „Ich hoffe nicht, dass Sie mich für einen Zechpreller halten. Ich bin Oliver von Sternburg.“
„Is schon recht.“ Der Taxifahrer warf noch einen letzten skeptischen Blick auf den Fahrgast, dann drehte er den Zündschlüssel im Schloss.
Entspannt lehnte sich Oliver zurück. Diese Aktion hatte mehr Kraft gekostet, als er gedacht hatte. Verdammt, ob der Professor doch Recht hatte und er kränker war, als er glaubte?
In ein paar Tagen werde ich es wissen, sagte er sich. Dann bin ich in USA – und bei den besten Ärzten der Welt. Da kann dieser Quacksalber mit seiner kleinen Privatklinik nicht mithalten.“
Übergangslos schlief er ein und wurde erst wach, als ihn der Taxifahrer am Arm rüttelte. „Wir sind am Ziel – Schlossgut Sternburg.“ Er wies hinüber zu dem schmiedeeisernen Portal mit dem vergoldeten Wappen in der Mitte. „Dahin wollen S’ wirklich?“
„Sagte ich schon, oder?“ Oliver zückte die Brieftasche und drückte dem Mann ein paar Scheine in die Hand. „Das dürfte genügen.“
„Dankschön. Sehr großzügig.“ Schnell verschwanden die Scheine und der Fahrer machte, dass er davonkam, ehe sein höchst seltsamer Fahrgast es sich anders überlegte und Geld zurück verlangte. „Soll ich Sie net noch bis zum Haus bringen?“, bot er dann an, als er sah, dass Oliver beim Aussteigen taumelte.
„Ich komme klar!“ Oliver wartete, bis der Wagen verschwunden war. Dann ging er am Zaun entlang bis zu einer kleinen, westlich gelegenen Pforte, die in den Park führte. Von hier aus gelangte er ungesehen zu den Ställen.
+ + +
„Guten Morgen, du Schlafmütze. Hast du was Schönes geträumt? Von mir?“
„Ich sollte doch was Schönes träumen, lachte Kerstin, schmiegte sich aber gleich an Tim. „Du, ich hab wirklich geträumt – von Melanie. Sie ritt auf einem Schimmel den See entlang. Im Brautkleid und mit wehendem Schleier.“
Tim winkte ab. „Das ist eine Szene aus „Die Braut die sich nicht traut“. Hast wohl mal wieder in alten DVDs gestöbert?“
„Nein. Hab ich nicht. Dazu war gar keine Zeit. Ich hab Melanie wirklich so gesehen. Richtig romantisch waren die Bilder.“
Tim lachte. „Himmel, als nächstes werd ich mir noch eine Schnulze ausdenken müssen statt eines Krimis mit versteckter Lovestory.“
„Gegen gute Schnulzen ist absolut nichts zu sagen. Die Leute sind viel romantischer, als man denkt. Sieh doch nur uns beide an... ist es nicht richtig kitschig, wie wir hier liegen? Umgeben von Rosen. Eng umschlungen. Mit Verlobungsring am Finger und so.“
„Und so. Was heißt denn das?“
„Zum Beispiel – das...“ Schon lag sie auf ihm, küsste ihn so leidenschaftlich, dass erst mal keine Frage mehr aufkam.
„Das ist keine romantische Liebe“, keuchte Tim und lachte leise. „Das ist Vergewaltigung.“
„Und – stehst du nicht drauf?“
„Bei dir schon. Komm her, du süßes Monster.“ Und schon war eine Kabbelei im Gang. Erst nach einer Weile, sie lagen atemlos nebeneinander, meinte Kerstin: „Ob Melanie jetzt auch so glücklich ist wie wir?“
„Ich hoff’s doch sehr.“ Tim grinste. „Volker zumindest konnte es kaum erwarten, endlich mit ihr ungestört zusammen zu sein.“
„Aber sie sind im Schloss seiner Eltern! Da kann man von ungestörter Zweisamkeit ja wohl nicht reden.“
„Kerstin! Wir leben im 21. Jahrhundert, wenn du dich erinnerst! Volker hat seine eigene Suite im Ostflügel. Und ich bin mir sehr sicher, dass Gräfin Nora und Graf Joachim die Privatsphäre ihres Sohnes respektieren.“
„Werden sie auch Melanie mögen?“
„Da bin ich sicher.“
„Sie ist nicht adelig.“
Tim winkte ab. „Ach Unsinn, das war den Sternburgs noch nie wichtig. Standesdünkel kennen die nicht. Sie hatten ja auch nie was dagegen, dass Volker und ich befreundet sind.“
Kerstin blieb skeptisch. „Es ist schon was anderes, ob man befreundet oder miteinander verheiratet ist.“
Tim grinste. „Du solltest mal wieder zum Frisör gehen“, meinte er.
„Was? Wie kommst du denn jetzt darauf?“ Sie griff sich in die blauschwarze Haarfülle, die perfekt geschnitten war. Die Frisörbesuche waren der einzige Luxus, den sich Kerstin leistete – ein guter Haarschnitt war ihr viel wert.
„Na ja, in der Yellow Press steht doch viel über die Adelshäuser von heute. Und wenn ich mich nicht irre, haben sogar Königssöhne inzwischen bürgerliche Ehefrauen. Und was einem Prinzen recht ist, darf doch einem kleinen Landadeligen billig sein.“
„Von mir aus sowieso. Ich will nur, dass Melanie glücklich wird.“
„Volker und sie sind ein Traumpaar – so wie wir zwei.“
„Doppelhochzeit?“
Tim hob beide Hände abwehrend hoch. „Nur nicht!“
Kerstin grinste. „Wovor hast du Angst? Vielleicht jetzt doch vorm Heiraten? Torschlusspanik ist das.“
„Quatsch. Mir graut nur bei der Vorstellung, dass wir zusammen in der Schlosskapelle von Sternburg stehen... Nee, nee, das ist nichts für mich.“
„Dann krieg ich keine Traumhochzeit? Mit weißem Kleid, langem Schleier, Brautjungfern und so?“ Es machte diebisches Vergnügen, ihn mal wieder so richtig auf den Arm zu nehmen. Sein Blick sprach Bände – und drückte blankes Entsetzen aus!
„Himmel, nur nicht! Da lauf ich dir doch noch im letzten Moment davon.“
„Und ich hatte es mir so romantisch vorgestellt... mit der Kutsche vor der Kirche vorfahren, kleine Mädchen streuen Blumen... ein Chor singt...“
„Du spinnst!“ Tim lachte. „Du siehst heimlich zu viele Schnulzen, sag ich ja!“ Er zog sie an sich. „Was hältst du von einer kleinen Feier in Las Vegas und einer Hochzeitsreise nach Hawaii? Ist das nicht auch romantisch?“
Kerstin stieß einen kleinen Schrei aus. „Ist das dein Ernst?“
„Klar doch. Tickets sind für den 21. September reserviert. Weißt du noch?“
Wie könnte sie dieses Datum vergessen! An einem 21. September hatten sie sich kennengelernt und Hals über Kopf ineinander verliebt. Sie lachte leise vor sich hin. Dieses Datum hatte er sich also ausgeguckt – und wollte nichts von Romantik wissen! Männer!
„Ich müsste mal nachsehen, ob ich da keinen Termin habe.“
„Hast du – mit mir zusammen.“ Er zog sie fest an sich. „Und jetzt wird gefrühstückt. Ich hab einen Bärenhunger.“
„Dann los. Du holst Brötchen, ich bereite Obst und Eier vor.“
„Wie ein altes Ehepaar – sie kommandiert und er läuft los und befolgt die Befehle.“ Doch Tims Lachen zeugte davon, dass er diese „Bevormundung“ sehr genoss!
Auch Volker von Sternburg war an diesem Morgen sehr glücklich, denn endlich konnte er aus der Klinik entlassen werden. Die Abschlussuntersuchung hatte ergeben, dass alle Tumorzellen zerstört waren – und dass er beste Aussichten hatte, ganz gesund zu werden.
Melanie hätte ihn zu gern abgeholt, doch an diesem Tag schrieb sie an der Uni eine wichtige Klausur. Außerdem freute sich Gräfin Nora schon sehr darauf, ihren Einzigen nach Hause holen zu können.
„Du kommst aber, sobald es dir möglich ist“, hatte Volker gedrängt, und Melanie hatte es versprochen.
Jetzt lag der junge Mann auf der Terrasse und genoss die Sonne und die liebevolle Fürsorge seiner Mutter. Nora hatte darauf bestanden, dass er nach dem Mittagessen eine Stunde Siesta hielt.
„Ich würde viel lieber ausreiten“, hatte Volker zu seinem Vater gesagt. „Was macht Schneestern? Ihr Fohlen ist doch sicher schon groß. Und der Hengst aus Dubai... konntest du ihn zum Decken holen?“
„Aber ja. Willst du ihn dir ansehen? Er steht schon im neuen Stall. Wenigstens das kleinere Gebäude steht schon. Der zweite Teil wird aber auch noch vor Herbstbeginn fertig.“ Es freute Graf Joachim, dass sein Sohn Anteil am Gutsbetrieb nahm. Ihm persönlich lag die Pferdezucht sehr am Herzen, sie war viel mehr als ein Hobby. Wenn er bei den edlen Tieren war, konnte er hervorragend entspannen. Und oft hatte er während eines Ausritts auch gute Geschäftsideen. Ganz davon abgesehen, dass viele seiner Geschäftspartner sehr gern nach Sternburg kamen und sich in der privaten Atmosphäre hervorragende Abschlüsse tätigen ließen.
Nur kurz gingen Graf Joachims Gedanken zu seinem Bruder und seinem Verrat. Noch wollte er Volker damit nicht belasten, er würde noch früh genug erfahren, was Oliver getan hatte.
Wie es ihm wohl ging in der Kahlenbach-Klinik? Sie hatten nur zweimal miteinander telefoniert, und diese Gespräche waren alles andere als erfreulich gewesen. Auch hatte Joachim von Sternburg nicht erfahren, woran sein Bruder litt.
„Es tut mir sehr leid, Herr Graf, aber Ihr Bruder hat ausdrücklich erklärt, dass wir niemandem über seine Erkrankung Auskunft erteilen dürfen. Sie verstehen – ich bin an meine Schweigepflicht gebunden“, hatte der Professor erklärt.
„Es... es ist etwas Ernstes?“, hatte Joachim wissen wollen.
„Nun, sagen wir so... eine Bagatellerkrankung würde ich nicht mit einem Spezialisten aus Übersee besprechen“, hatte der Klinikchef erwidert und damit umschrieben, dass es sehr wohl ernst stand.
So schwankte Joachim von Sternburg also zwischen Sorge und Zorn, wenn er an seinen Bruder dachte. Heute aber konzentrierte er sich ganz auf Volker. Nach dem Kaffeetrinken machten sie eine Runde durch die Stallungen. „Wenn ich noch nicht reiten darf, dann will ich wenigstens mal sehen, was sich alles getan hat seit dem Brand.“
Er bewunderte die geleistete Arbeit und sah dann mit glänzenden Augen auf den Deckhengst Alladin, der mit samtig glänzendem Fell in einer großen Box stand und nervös mit den Ohren spielte. „Das ist ja ein Traumpferd“, meinte er. „Bist du ihn schon geritten?“
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Der hat den Teufel im Leib. Da wagt sich nur unser Verwalter drauf.“
„Ich reite mindestens so gut wie Sebastian!“ Volker ging näher an die Box und redete leise auf den Hengst ein. Langsam, vorsichtig kam das Tier näher.
„Das kannst du noch nicht riskieren. Bitte sei vernünftig, Volker“, bat Joachim von Sternburg.
„Schon gut, ich warte noch ein paar tage. Außerdem kommt ja morgen Melanie, da hab ich Ablenkung genug.“ Lächelnd drehte er sich zu seinem Vater um. „Danke, dass ihr sie offiziell eingeladen habt. Sie hatte, glaube ich, einige Bedenken. Du weißt schon – die berühmten Standesunterschiede. Dabei ist sie so liebenswert und klug! Da kann sich manche andere eine Riesenscheibe von abschneiden.“
„Schon gut, du brauchst sie uns nicht anzupreisen. Mutter und ich finden sie auch sehr sympathisch. Und zudem... sie ist deine Freundin, du musst sie mögen. Nur das ist wichtig.“
„Sie ist genau die Partnerin fürs Leben, nach der ich gesucht habe“, erwiderte Volker.
„Dann wünsche ich dir, dass sie genauso fühlt.“ Sein Vater legte ihm liebevoll die Hand auf den Arm. „Und jetzt komm noch für einen Moment mit in mein Büro. Ich muss etwas mit dir besprechen...“ Kurz zögerte er, dann fügte er leise hinzu: „Deine Mutter meint zwar, ich sollte dich noch schonen, aber...“
„Gibt es Probleme? Wo?“ Sofort war Volker interessiert. Seit seiner Erkrankung war ihm bewusst geworden, wie wichtig die Arbeit in seinem Leben war. Schon allein die Vorstellung, niemals den Konzern leiten zu können, weil er viel zu elend dazu war, hatte ihm schwer zu schaffen gemacht. Und er verstand sich jetzt nicht mehr, dass er so lange herumgebummelt hatte. Wie wichtig war es doch, eine Aufgabe zu haben, die einen erfüllte, die einem etwas bedeutete! Auch ein Wert, den ihm Melanie vermittelt hatte.
Über eine kleine Terrasse, die über und über mit Efeu bewachsen war und auf der nur ein bunter Blumenkübel stand, erreichten sie den kleinen Bürotrakt des Gutes. Linker Hand arbeitete der Verwalter mit einer langjährigen Sekretärin, ganz rechts, angrenzend an die Privaträume, hatte Graf Joachim seine beide Büros untergebracht.
In den größeren Raum führte er Volker nun und holte, ohne etwas zu sagen, aus dem Safe einen schmalen Aktenordner. „Lies. Aber bitte – reg dich nicht allzu sehr auf. Der Schaden ist schon begrenzt worden, wir haben keine allzu großen Verluste erlitten. Nur solltest du wissen, was passiert ist, damit du entsprechend reagieren kannst.“
Volker lächelte. „Du machst es spannend.“
Doch schon kurze Zeit später wurde er ernst. Denn das, was er zu lesen bekommen hatte, war ungeheuerlich. „Das kann ich nicht glauben“, murmelte er und sah seinen Vater fragend an. „Das ist doch nicht wahr? Das... das kann er nicht getan haben!“
„Alle Beweise sprechen dafür, dass er es war. Und indirekt hat er es auch zugegeben.“
„Oliver... er verrät die eigene Firma an die Konkurrenz! Das ist ein Ding!“
„Ich hab’s zuerst auch nicht glauben wollen, aber es ist Tatsache. Wir hatten einen Detektiv eingeschaltet, in Marseille sind alle Unterlagen kontrolliert worden – und wir haben herausgefunden, dass Oliver wirklich vor einem Jahr da war. Er, der nie was mit der Firma zu tun haben wollte. Erst recht nichts mit den neuen Entwicklungen.“
„Das ist einfach unglaublich“, murmelte Volker, aber da er es schwarz auf weiß nachlesen konnte, musste auch er schließlich erkennen, dass sein Onkel, den er stets bewundert hatte, ein höchst labiler Charakter – und letztendlich sogar kriminell geworden war.
„Sag Nora nicht, dass ich dir dies alles schon gezeigt habe. Sie meinte, du müsstest noch geschont werden.“
„Ach was. Ich fühle mich gut. Und es ist schon o.k., dass sich alles weiß. Dann kann ich, sollte Oliver hier mal wieder auftauchen, entsprechend reagieren.“
Genau aus diesem Grund hatte Joachim von Sternburg seinen Sohn eingeweiht.
„So, und jetzt kein Wort mehr von diesem Thema. Hast du Lust auf eine Partie Schach? Das haben wir schon ewig nicht mehr gespielt!“
„Dann nichts wie los – mal sehen, ob ich dich immer noch schlagen kann“, lachte Volker.
+ + +
„Welch eine Idylle!“ Der Mann, der sich im kleinen Rosenpavillon versteckt hielt, sah hinüber zur Südterrasse des Schlosses, wo gerade das Mittagessen serviert worden war. Er selbst hatte keinen Hunger. Seit Stunden wartete er darauf, dass endlich die Luft rein war und er seinen heimlichen Schatz abholen konnte. Doch immer wieder war bisher was dazwischen gekommen. Verdammt, er hatte gar nicht mehr gewusst, wie viel Betrieb auf diesem Gut herrschte.
Mit brennenden Augen sah er jetzt, wie sein Bruder und seine Schwägerin Melanie begrüßten. Und Volker... der tat wirklich so, als sei diese kleine Studentin was Besonderes! Wie er sie anhimmelte! Dabei war das ein ganz durchtriebenes Biest. Berechnend. Hinterhältig und gemein. Wie sie ihn, Oliver, behandelt hatte... demütigend! Aber das würde sie ihm noch büßen!
Er wartete, bis das Essen beendet war, dann wollte er hinüber gehen zu den Ställen. Aber gerade, als er die Tür öffnete, erfasste ihn wieder dieser schon bekannte und gefürchtete Schmerz. Wie ein Dolchstich. Heiß schossen ihm Tränen in die Augen, er tastete nach Tabletten. Ein Glück, vier von den gelben Helfern hatte er noch!
Schnell steckte er zwei in den Mund, schloss die Augen und wartete, dass die Wirkung einsetzte.
Als er wieder klar denken konnte, war die Terrasse leer. Verdammt...
Mit brennendem Blick sah er sich um. Und da sah er sie: Eng umschlungen kamen Melanie und Volker über den Rasen, genau auf den Pavillon zu. Hin und wieder blieben sie stehen um sich zu küssen. Wie verliebt sie taten! Und wie unschuldig Melanies Lächeln war! Dieses raffinierte Biest! Dabei wusste er selbst genau, dass sie die geborene Verführerin war. Hatte ihn schließlich auch zu umgarnen versucht!
Dicht vor dem Pavillon, auf einer Bank, die von einerschmalen Buchsbaumhecke umsäumt war, setzten sich Melanie und Volker. Wieder wurde Oliver Zeuge einer leidenschaftlichen Umarmung. Und als er sah, dass Volkers Hand sich unter Melanies T-Shirt schob, als er mit ansehen musste, wie sie es zuließ, dass er ihren BH öffnete und sacht ihre Brüste streichelte, schoss heiße Glut in ihm hoch. Das Blut pulsierte heftig durch seine Adern, der Hemdkragen wurde ihm eng. Mit brennenden Augen sah er zu dem Paar hin, und sein Verlangen steigerte sich ins Unendliche.
Am liebsten wäre er hinausgestürzt, hätte Volker davongejagt und sich selbst zu Melanie gesetzt. Nein, er hätte sie gleich in den Pavillon gezogen und flach gelegt. Ein hämisches Grinsen überzog sein Gesicht. Sie war lange nicht so prüde, wie sie sich gab. Das sah man jetzt ja ganz deutlich. Und wenn erst mal so ein Mann wie er kam...
Das Paar stand auf und ging langsam weiter. Oliver atmete auf.
„Ich liebe dich. Und es ist wunderbar, dass du gekommen bist.“ Volker wies hinüber zum See, der sacht in der Sonne glänzte. „Morgen können wir eine kurze Segelpartie machen, wenn du willst.“
Ein wenig besorgt sah Melanie ihn an. „Wenn du es dir zutraust...“
Der junge Mann, dessen Kopf immer noch kahl war, lachte. „Ich bin ein bisschen angeschlagen, aber nicht vollinvalide. Jetzt tu nur nicht so wie meine Mutter! Die würde mich am liebsten in Watte packen!“
„Da denk ich nun wirklich nicht dran!“, lachte Melanie. „Und so, wie du küsst... das fühlt sich ziemlich gesund an.“
„Warte nur ab, es kommt noch besser.“
„Hmm... das sind interessante Versprechungen.“
„Die ich gleich wahrmachen werde!“ Er hob sie hoch. „Da ist der Pavillon... erinnerst du dich?“
Melanie zappelte auf seinen Armen. „Lass mich sofort runter! Was sollen deine Eltern denken?“
„Dass wir uns lieben. Was sonst?“
„Nein... nicht hier... Lass mich runter. Bitte!“
Er setzte sie ab – ehrlich gesagt, war er wirklich noch nicht so fit, dass er sie lange hätte tragen können. „Du entkommst mir nicht“, lachte er.
„Will ich ja auch gar nicht.“ Zärtlich nahm sie sein Gesicht in die Hände, sah ihm in die Augen. „Ich liebe dich und will... Hey, da sind ja schon wieder ein paar Augenwimpern! Bald wachsen die Haare nach.“ Sie lachte. „Dann kommt der Babyflaum!“
„Stehst du nicht auf Glatze? Ich hab schon befürchtet, ich müsste mich in Zukunft immer rasieren.“
„Na ja, wenn ich so drüber nachdenke...“ Mit schräg gelegtem Kopf sah sie ihn an. „Du hast schon einen ausgeprägten Charakterkopf. Den muss man nicht unbedingt unter dunklen Haaren verstecken.“
Volker grinste. „Wenn du drauf bestehst, rasier ich mich eben. Aber ich fand mich eigentlich mit Haaren auch nicht übel aussehend.“
„Warten wir es einfach ab.“ Melanie zog seinen Kopf zu sich. „Bis dahin lieb ich dich einfach so, wie du bist.“
„Meine Süße! Komm, jetzt zeig ich dir noch meinen Lieblingsplatz, dann hab ich meinem Vater versprochen, mit ihm einen Schriftsatz durchzuarbeiten.“ Er grinste. „Er hält mich jetzt für so geläutert, dass er hofft, ich mache in Rekordzeit meinen Abschluss und trete gleich in die Firma ein.“
„Willst du das denn nicht?“
Volker zögerte. „Eigentlich hätte ich mich gern noch ein bisschen in den Werken in Frankreich und USA umgesehen. Aber da du ja hier bist... Oder könntest du auch in Übersee weiter studieren?“
Melanie schüttelte den Kopf. „Einfacher hab ich’s hier. Außerdem kann ich an der Kahlenbach-Klinik jobben und im Café...“
„Das brauchst du nicht mehr“, fiel Volker ihr ins Wort.
Sofort veränderte sich Melanies Gesichtsausdruck. Sie wirkte sehr entschieden. „Schlag dir das gleich aus dem Kopf. Das kommt gar nicht in Frage“, sagte sie.
„Aber du weißt doch noch gar nicht, was ich...“
„Doch. Du willst mir das Studium finanzieren. Und das läuft nicht. Ich hab bisher alles selbst geschafft, und so wird es bleiben.“
Volker sah ein, dass es besser war, jetzt nicht weiter zu insistieren. Melanie hatte ihren Stolz, und sicher würde sie ihm nicht gestatten, ihr zu helfen. Es sei denn, sie waren verheiratet... Nun, der Zeitpunkt war nicht mehr fern, wenn es ihm nach ging.
„Also gut, wechseln wir das Thema. Was machst du, während ich mit Vater arbeite?“
Melanie zögerte. „Ich würde mir gern die Pferde ansehen“, meinte sie. „Kann ich zur Koppel gehen?“
„Klar doch. Oder auch drüben in den neuen Stall. Da steht ein Traumpferd. Leider nur für eine Weile. Der Deckhengst gehört einem Prinzen aus Dubai. Vater und er kennen sich seit Jahren. Es ist sagenhaft, dass wir den Hengst ein paar Wochen hier haben können. Das ist eigentlich unbezahlbar.“ Er lachte. „Ich weiß zufällig, dass er sogar Pferde der Englischen Königin gedeckt hat.“
„Wie euch das adelt“, lachte Melanie.
Zusammen gingen sie noch ein Stück durch den Park, dann wandte sich Melanie den Ställen zu, während Volker hinüber zum Verwaltungstrakt ging.
Oliver von Sternburg, dem es inzwischen wieder gut ging, hatte das Paar nicht aus den Augen gelassen. Als er erkannte, wohin sich Melanie wandte, durchzuckte ihn ein Gedanke – und er lachte leise in sich hinein. Sie würde gleich ihm gehören, die spröde Kleine! Und diesmal gab es kein Entkommen!
Er wartete noch eine knappe Viertelstunde. Niemand war mehr zu sehen, auch drüben im Schloss war alles ruhig. Der Verwalter, Sebastian Kurts, war vor einer Stunde mit dem Jeep fortgefahren. Die Bauarbeiter, die den zweiten großen Stall hochzogen, waren von hier aus kaum auszumachen, also würden auch sie ihn nicht erkennen.
In seiner Tasche waren die Tabletten, ohne die er inzwischen nicht mehr auskommen konnte. Noch ein Schluck aus der Flasche mit Orangensaft, die jedoch einen guten Schuss Wodka enthielt, dann verließ er den Pavillon.
Im Schutz einiger Sträucher gelangte er ungesehen bis zu dem kleineren Stall, der zum Teil noch alte Elemente besaß. Nur das südliche Ende hatte damals ein paar Brandschäden davongetragen. Man hatte das Gebäude etwas nach Süden erweitert, die Stalltür hatte ein ovales Fenster, durch das noch mehr Licht einfallen konnte.
Oliver zitterte leicht vor Erregung. Die Truhe mit den alten Pferdedecken und den Leckereien für die Tiere... ob sie noch am selben Platz stand? Und ob sie noch all das enthielt, was er damals voller Panik dort versteckt hatte?
Die Stalltür quietschte ein bisschen, als er sie öffnete. Doch das hörte niemand. Nicht einmal die wenigen Pferde, die zurzeit hier standen, vier hoch tragende Stuten und ein Muttertier mit gerade geborenem Fohlen, reagierten auf den Mann.
Sein Herz klopfte zum Zerspringen, und zu allem Elend begann jetzt wieder dieses verdammte Pochen in seinem Schädel. Es wurde Zeit, dass er in die Hände eines wirklich guten Arztes kam. Aber vielleicht würde auch eine Strecke des extrem guten Kokains helfen... Und vielleicht hatte er gar keinen Tumor, wie der Professor es ihm weismachen wollte, sondern nur ein paar simple Entzugserscheinungen.
Oliver von Sternburg grinste vor sich hin, als er, in eine alte Decke eingeschlagen, den Kasten mit den Kupferbeschlägen sah. Sein Schatz! Er war noch da!
Kleine Päckchen mit weißem Pulver, gut verpackt, sah er vor sich. Schnell war eins geöffnet, ebenso schnell hatte er eine große Prise geschnupft. Und wirklich – der Kopf wurde klar. Sein Blick weit.
Wo war diese kleine Sexmaus, die ihn so verrückt gemacht hatte? Noch draußen auf der Koppel?
Er spähte durch die Stalltür. Da kam sie ja! Wie auf Bestellung! Er kicherte und versteckte sich erst einmal in einer leeren Box. Gleich, gleich würde er sich an Melanie rächen...
+ + +
So glücklich war sie noch nie gewesen! Auf dem Gut war es einfach herrlich, nicht einen Moment hatte sie das Gefühl gehabt, bei Gräfin Nora und Graf Joachim nicht willkommen zu sein. Volkers Liebe hüllte sie ein – was konnte es Schöneres geben?
Sie ging langsam von Box zu Box, sprach mit den Stuten, die jedoch ein bisschen unruhig wurden, als eine Fremde so nah an sie herankam.
„Na gut, dann lass ich euch wieder allein.“ Melanie wandte sich um Gehen – und stieß einen unterdrückten Schrei aus. „Oliver! Was machst du denn hier?“
„Ich bin hier daheim. Schon vergessen?“ Er lächelte, doch so charmant es früher auf Melanie gewirkt hatte, so abstoßend kam es ihr jetzt vor. „Und du? Musst du dich allein mit deinem zukünftigen Daheim bekannt machen? Hat mein lieber Neffe keine Zeit?“
„Das ist gar kein Problem. Ich komme gut zurecht.“ Sie wollte in Richtung Stalltür gehen, denn auf einmal hatte sie das Empfinden, in Olivers Nähe keine Luft zu bekommen. Sein Blick war wirklich unangenehm, er schien auf der Haut zu brennen.
„Bleib ruhig hier. Ich will nur kurz nachsehen, ob noch alles an seinem Platz ist. Dann hab ich Zeit für dich.“ Wieder dieses Lachen, das ihr schon fast irre zu sein schien. Sie machte ein paar Schritte in Richtung Tür, doch da war Oliver schon bei ihr und umklammerte ihren Arm. „Hier geblieben. Wir sind noch nicht fertig miteinander.“ Er zog sie rücksichtslos in eine Ecke des Stalls. Hier befand sich noch eine Tür, die Melanie bisher nicht gesehen hatte. Dahinter befand sich eine kleine alte Sattelkammer. Decken lagen auf zwei alten Truhen, an den Wänden hingen neben Zaumzeug auch noch zwei altersdunkle Kutschgeschirre.
„Los, setz dich dahin. Oder leg dich. Ist besser. Und dann zeig ich dir, was du vor einigen Wochen versäumt hast...“ Schon begann er an seinem Hosengürtel zu nesteln.
In Melanie stieg Panik auf. Das konnte doch nicht wahr sein! Er wollte sie doch nicht wirklich hier, in einer schmutzigen Sattelkammer, vergewaltigen! „Das kannst du nicht machen. Oliver, ich bitte dich... Denk dran, dass Volker und ich befreundet sind. Er will mich heiraten! Dann werden wir verwandt sein und...“
„Das, mein Täubchen, interessiert mich nicht die Bohne!“ Los, komm! Oder brauchst du wieder ein paar von Onkel Olivers kleinen Glücksbringern?“ Schon nestelte er an der Brusttasche seiner Jacke.
„Oliver, bitte...“ Melanie versuchte ruhig zu bleiben. Und vor allem, das war ihr klar, durfte sie den Mann nicht reizen. Was immer er genommen hatte – und dass er nicht ganz bei Sinnen war, stand für sie fest – er war gefährlich. Sie durfte ihn nicht provozieren.
„Nun komm schon, küss mich endlich. Eben, vor dem Pavillon, warst du ja auch nicht so prüde. Und ich sag dir eins: So gut wie Volker bin ich auch.“ Wieder dieses Lachen, das ihr Gänsehaut verursachte. „Ich verfüge schließlich über wesentlich mehr Erfahrung als er. Das solltest du dir nicht entgehen lassen.“
Er hatte Volker und sie beobachtet! Verrückt war das. Total verrückt!
„Bitte, Oliver, mach nicht alles kaputt, was uns verbindet. Wir waren ein paar Mal zusammen aus, haben uns gut verstanden... das ist aber auch alles. Ich liebe dich nicht. Mein ganzes Herz gehört Volker. Ich bin dir dankbar, dass du mich damals getröstet hast, als er so elend dran war und mich immer wieder von sich gewiesen hat. Du warst ein guter Freund und...“
„Das bin ich immer noch. Ein toller Freund. Ich zeig’s dir.“ Mit einem Satz war er bei ihr, und noch ehe sich Melanie wehren konnte, hatte er ihr die Bluse aufgerissen und versuchte sie zu küssen.
Noch ein einzelner erstickter Schrei kam über ihre Lippen. Sie schloss die Augen – und wartete auf das Entsetzliche, das gleich geschehen würde.
Auf einmal hörte sie einen dumpfen Schlag, einen unterdrückten Schrei.
„Du bist doch wirklich das Widerlichste, was man sich vorstellen kann. Hau ab. Geh mir aus den Augen!“
„Bruderherz! Spielst du jetzt den edlen Ritter? Oder willst du das Täubchen für dich haben?“ Er kicherte. „Wir können sie uns teilen. Sie ist so süß... Noch ein bisschen schüchtern, aber dagegen lässt sich ja was tun...“
Wieder machte er zwei Schritte auf Melanie zu, doch Graf Joachim war schon bei ihm. „Hau ab, Oliver. Schlaf deinen Rausch aus! Du bist ja total durchgeknallt! Willst du zu all dem, was du an Schuld auf dich geladen hast, jetzt auch noch eine junge Frau vergewaltigen?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann’s einfach nicht begreifen!“
„Das ist dein Problem, mein lieber Bruder. Aber wenn du willst, geh ich. Viel Spaß mit dem Täubchen.“ Er griff in die Tasche, warf ein paar Kokainpäckchen und Tabletten in die Luft. „Hier, nehmt euch, was ihr braucht. Ich hab genug davon!“ Lachend ging er aus dem Stall.
Melanie brach in Tränen aus. Das war ein Albtraum, den sie da gerade erlebte! Leise schluchzte sie vor sich hin, das Gesicht in den Händen verborgen.
„Es ist vorbei. Liebes, beruhige dich... alles wird gut.“
„Volker!“
„Ja, ich bin ja da...“ Seine Arme hielten sie, sie spürte seine Lippen auf ihrem Haar, hörte ihn beruhigende Worte murmeln.
„Oliver muss total durchgeknallt sein“, stieß sie dann hervor und hob den Kopf. „Er hatte mit Sicherheit wieder was genommen.“
„Das denke ich auch. Vater ist hinter ihm her. Komm, wir gehen erst mal hier raus.“ Insgeheim dankte er der Vorsehung, die seinen Vater bewogen hatte, während einer Pause zwischen zwei Telefonkonferenzen kurz in den Stall zu gehen.
„Ich mache mir Sorgen um eine der trächtigen Stuten. Ruh dich kurz aus, Volker, ich sehe mal eben im Stall vorbei. Danach können wir dann in London anrufen“, hatte er gesagt.
Aber auch Volker hatte keine Ruhe gefunden in dem gediegen möblierten Büro des Vaters und war ihm gefolgt – gerade rechtzeitig, um Melanie beizustehen.
Während Volker und Melanie langsam zum Haus zurück gingen, folgte Graf Joachim seinem Bruder, der mit langen Schritten zum See hinunter lief. Dabei rief er irgendwelche wirren Dinge, die nicht zu verstehen waren. Dann, urplötzlich, strauchelte er, taumelte und sackte zu Boden. Ohne auf den Weg zu achten, war er an einer Baumgruppe vorbei gekommen, einer der tieferen Äste hatte ihn am Kopf getroffen und zu Boden gestreckt.
Als Joachim von Sternburg neben ihm niederkniete, war Oliver bewusstlos. Aus einer kleinen, nicht sehr großen Wunde an der Stirn sickerte Blut. Dass diese Wunde nicht der Grund für die tiefe Ohnmacht sein konnte, war klar. Besorgt alarmierte der Graf einen Krankenwagen, der den immer noch wie tot daliegenden Oliver von Sternburg eine Viertelstunde später in die Klinik Professor Kahlenbachs zurück brachte.
+ + +
„Ich bin ja so aufgeregt! Fast so sehr, als ginge ich zu meiner eigenen Hochzeit!“ Kerstin zupfte an ihrer Frisur herum, obwohl der schwarze Pagenschnitt wie immer perfekt war. „Bist du endlich fertig, Tim?“
„Schon lange.“ Lachend sah der Mann seine schöne junge Frau an. „Wundervoll siehst du aus. Du solltest immer Rot tragen. Das ist genau deine Farbe. Oder Weiß. Das hat in Las Vegas einfach klasse ausgesehen.“ Er grinste. „Vor allem, als das Kleid endlich wieder auf dem Boden lag.“
„Du bist einfach unmöglich, Tim Ahrens! Und so was hab ich geheiratet!“
„Gern, oder?“
„Na ja... was blieb mir anderes übrig? Du hattest die Flugkarten schon gekauft, das Hotel bestellt...“
„Die Hochzeitskapelle gebucht... Ich bin ebene in Organisationstalent.“ Er grinste. „Und weil du mich so sehr liebst, konntest du es gar nicht erwarten, mich zu heiraten.“
„Das ist schon lange her. Jetzt sind wir ja schon ein altes Ehepaar.“
„Uralt. Seit genau fünf Monaten und sechs Tagen verheiratet.“
„Du zählst noch die Tage – wie süß!“ Er bekam einen raschen Kuss, „Aber jetzt müssen wir los“, erklärte Kerstin dann ein wenig atemlos. „Sonst kommen wir zur Hochzeit noch zu spät.“
„Die können doch gar nicht ohne uns anfangen, schließlich bist du die Trauzeugin der Braut.“
„Das will ich Melanie auch geraten haben! Die beiden sind ja auch mit uns nach Las Vegas geflogen!“ Ein Lächeln ließ ihr Gesicht ganz weich werden. „Es war einfach herrlich! Und dass Volker das schon wieder konnte – wunderbar.“
„Er hat sich einfach blendend erholt. Sieht aus wie früher.“
„Er hat schließlich auch eine perfekte Krankenpflegerin an seiner Seite.“
„Hey, das lass Melanie nicht hören. Sie hat ihr erstes Staatexamen mit Auszeichnung bestanden – und das ein paar Wochen vor der Hochzeit. Das ist schon eine Leistung.“
Kerstin nickte. „Ich glaube, Gräfin Nora und Graf Joachim sind mindestens so stolz auf sie wie Volker. Nie hätte ich gedacht, dass sie Melanie so vorbehaltlos in die Familie aufnehmen würden.“
„Ich hab nichts anderes erwartet“, meinte Tim. „Und jetzt komm endlich!“
Wenig später waren sie am Ziel. Schloss Sternburg war festlich geschmückt, auf der Terrasse blühten Blumen in verschwenderischer Pracht, und auch entlang der Auffahrt waren Kübel mit weiß-rosafarben blühenden Hortensien aufgestellt worden.
In der Halle waren schon etliche Hochzeitsgäste versammelt, die von Lohnkellnern bedient wurden. Im so genannten „weißen Salon“ warteten schon der Standesbeamte und die beiden anderen Trauzeugen, Verwandte von Volker.
Volker und Tim umarmten sich kurz. „Jetzt erwischt es dich also auch“, lachte der junge Regisseur, dessen erster Spielfilm schon im nächsten Jahr ins Fernsehen kommen würde. „Ich wünsch dir alles Glück der Welt, mein Alter.“
„Danke. Aber ich glaube, glücklicher kann ich gar nicht mehr werden.“
Ein Raunen ging durch den Raum, als in diesem Moment Melanie am Arm von Graf Joachim eintrat. Die Braut trug ein schlichtes weißes Rohseidenkleid, das einen modischen Schalkragen hatte, der über und über mit kleinen Perlen bestickt war. Der Rock, nur leicht ausgestellt, unterstrich Melanies zarte Figur. Im hoch gesteckten Haar waren ein paar weiße Rosen und Myrthen befestigt. Darüber fiel ein alter Schleier aus Brüssler Spitze – diesen Schleier hatten schon Gräfin Nora und ihr Schwiegermutter getragen.
Melanies Brautstrauß bestand aus einigen wenigen weißen Rosen und Maiglöckchen, den Lieblingsblumen der Braut. Es war nicht einfach gewesen, die Blüten um diese Jahreszeit aufzutreiben, doch es war Volker gelungen.
Als das junge Paar vor dem Standesbeamten stand und sich das Jawort gab, zogen die letzten Monate wie im Zeitraffer an Melanie vorbei. Sie dachte an Volkers Erkrankung, an die ersten Tage voller Liebe und Glück. Sie dachte aber auch kurz an Oliver von Sternburg, der immer noch in der Kahlenbach-Klinik lag. Seine Tage waren gezählt, und es war eine Gnade des Schicksals, dass er seit dem Sturz am See im Koma lag. So entkam er zumindest der irdischen Gerechtigkeit.
Nur kurz gingen ihre Gedanken zu ihm, dann konzentrierte sie sich auf das, was jetzt geschah – sie wurde Volkers Ehefrau!
Die anschließende kirchliche Trauung in der alten Schlosskapelle war wesentlich feierlicher. Hand in Hand trat das Brautpaar zum Altar, wo der alte Pfarrer, der schon Volker getauft hatte, sie auch vor Gott zusammen gab.
Melanies Augen waren feucht, als sie Volker noch einmal den Ring ansteckte. Und auch er war gerührt, als er endlich seine Frau küssen durfte. „Ich liebe dich – für immer“, raunte er ihr zu. „Und ich kann es kaum erwarten, endlich mit dir allein zu sein.“
Sie lächelte ihm zu. Auch sie freute sich auf die Zweisamkeit. Aber ebenso sehr freute sie sich auf das Fest, das Gräfin Nora mit so viel Liebe für sie ausgerichtet hatte. Der Ballsaal war geschmückt, eine Band spielte, und nachdem das Paar den traditionellen Brautwalzer getanzt hatte, wurde es fröhlich und entspannt.
„Ich glaube, ich finde Gefallen an einem solchen Hochzeitsfest“, meinte Tim kurz nach Mitternacht. „Was meinst du – sollen wir auch noch kirchlich heiraten?“
Kerstin grinste. „Von mir aus gern. Wir können das ja gleich mit einer Taufe verbinden.“
„Was sagst du da?“ Ungläubig sah er sie an.
„Na ja“, sie zuckte mit den Schultern, „hattest du wirklich gedacht, mit mir würde die Ehe langweilig werden?“
ENDE